#RetroMontag Anekdote: Der Taperecorder

1077040_10200103270600665_865901489_o.jpgEs muss sprichwörtlich gebrannt haben in der Saarbrückener Legacy-Reaktion. Die Titelstory stand, aber kein Redakteur hatte Zeit nach Köln zu fahren und das Interview mit den damaligen Senkrechtstartern von GRAND MAGUS zu führen.

Ich habe keine Ahnung wie ausgiebig der Chefredakteur Björn-Thorsten bei der Vorstellung geseufzt hat, einen der unerfahrenen freien Schreiberlinge auf das Thema anzusetzen. Ich weiß nur noch, dass ich den Auftrag in ängstlicher Euphorie annahm. Er wusste nicht, dass mein erstes und letztes Face-to-face Interview zu diesem Zeitpunkt neun Jahre zurücklag und noch dazu mit einer befreundeten Münchner Band geführt wurde.

Ich hatte auch gar kein passendes Aufnahmegerät. Eine professionelle Lösung musste her also, die mich journalistischer wirken lassen würde. Es war 2010 und ich wählte einen Taperecorder.

392435_3119493902435_156672244_n
Journalistisches Profi-Tool!

Da stand ich nun am Tag X, wurde in einen Raum Bier trinkender und rülpsender Schweden gesetzt, packte das antike Ding aus und legte es zwischen uns auf den Tisch. Der glatzköpfige Frontman Janne schmunzelte und sagte er habe sowas schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Autsch!

Nachdem ich genug von meinem Gestammel, seiner Ausführungen und Rülpser gesammelt hatte, fuhr ich nach Hause und schrieb meine Titelstory. Und wie wir Schreiberlinge so sind, begann sich erst ab dem Moment, an dem ich durchatmen konnte alles zu fügen. Ich lieferte einen amtlichen Mehrseiter ab, behielt meinen Taperecorder und setzte ihn mit stolzer Brust noch ein par weitere Male ein. Er wurde quasi mein verschrobenes Trademark-Gadget.

Heute hält das Smartphone her. Funktioniert auch, ist vor allem praktischer, aber die Magie ist weg.

Advertisements

Machs gut, kleine Tigereule

tigereule.jpg

„Piep Piep“ sagte das kleine Kätzchen mit dem Eulengesicht und kam aus der Transporttasche getapst. Es hatte seinen Menschenpapa zwei Wochen nicht mehr gesehen. Es war keine überschwängliche, aber auch keine unterkühlte Begrüßung. Eher ein ganz selbstverständliches „Da bist du ja wieder“.

Der Papa hatte nur vier kurze Stunden um sich in seinem alten Zuhause nützlich zu machen. Die liebevolle Beschäftigung mit seinen zwei Katerchen war eingeplant, durfte ihn aber emotional nicht umwerfen. Er hatte sich viel vorgenommen. Er wusste, dass er der Menschenmama Wiedergutmachung schuldig war. Nichts was er in diesen vier Stunden machen hätte können wäre je genug gewesen, aber zumindest ein Anfang. Ein Schuldeingeständnis und ein Symbol des guten Willens.

Seine „kleine Familie“ nannte er die Menschen-Katzen-Gemeinschaft, die sie sich vor ein paar Jahren aufgebaut hatten. Er würde nie Kinder bekommen, da war er sich sicher. Aber das brauchte er auch gar nicht, denn die beiden Fellbälle und die Beziehung zur Menschenmama waren genug der Verantwortung für einen Mann, der sich mit der Steuerung von Impulsen und Emotionen schwertat. Diese alten, belastenden Emotionen gefährdeten alles das er liebte. Immer wieder.

Da war so viel Liebe, wenn sie zusammen auf der Couch saßen, ihre kleinen Tiger herumspringen sahen und sich gegenseitig den Kopf kraulten und die Schultern massierten. Da war an anderen Tagen so viel Verzweiflung, wenn Bedürfnisse unterdrückt wurden und Aufgaben oder Probleme sie überforderten. So viel Hass, wenn einer von ihnen sich wieder nicht in den Griff bekam und dem anderen das Leben damit schwer machte. Und so viele Grenzen eingerissen, dass eine gesunde Distanz zum Geschehen nicht mehr hergestellt werden konnte.

Dennoch war es seine Heimat. Seine Welt, die er schützen und pflegen wollte. Deren Auflösung absehbar wurde – eine Vorstellung die ihn leer zurückließ. Die ihn flüchten ließ in Fantasien von Liebeleien an einem anderen Ort.

Als sein Fluchtort zusammenbrach, zerbrach auch die Familie. Seine verdammte Wut, all seine vernichtende Verzweiflung und die Vernebelung durch Alkohol und Tablettenentzug ließ ihn jeglichen Glauben an ein Weiterexistieren verlieren. Er verlor sich nicht nur an diesem Abend, er vergaß sich auch. Und als er wieder bei Sinnen war existierte seine Heimat wirklich nicht mehr. Er hatte sie zerstört.

Die Verzweiflung nahm er mit, die Wut richtete er gegen sich und die Liebe ließ er zurück. Ein letzter Blick zum Fenster – die Mama war weg und wollte ihn nicht sehen. Das kleine Katerchen ihn aber auch nicht wieder verlieren. Traurig blickte er in zwei kugelige Eulenaugen, die ihm fragend hinter dem Küchenfenster hinterherguckten. Sein Herz schrie, aber er nahm sich zusammen. Die Sachen mussten ins Auto seines Freundes geladen werden. Keine Zeit für Abschiede.

tigereule2.jpg

Lass los was du liebst…?

loslassen.jpg

Es gibt viele Möglichkeiten an Dingen, Personen oder Erinnerungen festzuhalten. Ich schreibe bspw. gerne Listen, andere sammeln nostalgisch besetzte Sachen und einige verbringen vielleicht so manche Stunde mit alten Fotos oder Tagebucheinträgen.

Gerade in belastenden Zeiten sind diese Erinnerungen und Assoziationen eine große Stütze. Doch auch diese Ressource ist endlich. Erinnerungen können verblassen und überschrieben werden. Wie ein alter Kaugummi verlieren sie an Intensität, umso mehr man an ihnen festhält. Wesentlich stärker ist ihre heilende Kraft, wenn man sie loslässt und darauf vertraut, dass sie einen zu gegebener Zeit von selbst wieder finden werden.

Am schmerzhaftesten wiegt der Verlust von Menschen. Klammern, vereinnahmen oder dranhängen kann einseitig oder beidseitig so gehandhabt werden, es endet jedenfalls selten gut. Das geliebte Kind, der Partner, die Seelenverwandte – durch beengende Verhaltensweisen berauben wir uns gerade derer Personen, die uns am wichtigsten sind.

Es ist nicht einfach zu verstehen, weil es uns so paradox erscheint: Wieso soll man ausgerechnet loslassen wen oder was man liebt? Warum scheint es keinen schmerzfreien Weg zu geben?

Vielleicht weil es schwer für uns ist zwischen der egoistischen, besitzergreifenden Liebe und der bedingungslosen Liebe für das Wesen des Anderen zu unterscheiden. Wir sperren unsere Haustiere in Wohnungen oder gar Käfigen ein, um sie vor den Gefahren der Freiheit zu schützen. Vor allem aber um uns selbst vor einem möglichen Verlust zu bewahren. Wir klammern uns an unseren Partner und wollen ihn nicht verlieren, obwohl er sich an einem bestimmten Punkt im Leben woanders vielleicht besser entfalten könnte. Eltern behüten und bewachen ihre Kinder und ersticken ihre Autonomie und Selbstständigkeit, statt sie wichtige Fehler machen zu lassen, aus denen sie lernen könnten.

Es sind unsere Ängste, unser mangelndes (Ur-)Vertrauen und unsere Unfähigkeit uns selbst genug zu sein, die ein Loslassen verhindern. Wir brauchen diese Dinge, andere Menschen oder das geliebte Haustier um uns vollkommen zu fühlen.

Jeder hat in seinem Leben bereits abgedroschene Phrasen gehört wie: „Wer sich selbst nicht liebt, kann auch niemand anderen lieben“. Aber es vergehen mitunter Jahre und Jahrzehnte, bis man wirklich begreift wie wahr eine solche Aussage ist. Zugespitzt? Sicherlich. Das Gefühl von Liebe wird durch die Abhängigkeit vom Objekt nicht verdrängt. Aber es ist eine befangene, unfreie Liebe. Wir müssen lernen in uns und unsere Zukunft zu vertrauen. Sonst überstrapazieren wir unsere Kraftquellen nicht nur, schlimmstenfalls zerstören wir sie ganz.

Kommentar: „Männliches Selbstbild in der Krise“ (Max Tholl, Tagesspiegel)

Screenshot 2018-05-14 21.01.15.png

Nachdem ich im letzten Beitrag meinen persönlichen Konflikt mit der Männlichkeit thematisiert habe, soll es in diesem hier um das moderne Männerbild in den Medien gehen. Stellvertretend dafür, hab ich mir den Tagesspiegel-Artikel „Männliches Selbstbild in der Krise“* zur behaarten Brust genommen.

Die Welt feiert derzeit den Siegeszug der Diversität und das ist prinzipiell eine gute Sache. Denn es bedeutet mehr Toleranz, mehr Inklusion, weniger Hass, sowie eine Auflösung von starren Rollenbildern und Klischees. Das freut den Dicken in mir ebenso wie den diskriminierten ‚Juden‘ und den nerdigen Grobmotoriker. Leider gilt diese Ideologie der Toleranz nur für fast alle. Denn es gibt da noch ein verbliebenes Feindbild und dem gehöre ich ebenso an: Es ist männlich, weiß, heterosexuell und schlimmstenfalls auch noch alt.

Doch Rettung naht. Zum Glück haben wir den jüngst erwachten Tagesspiegel-Journalisten Max Tholl, der uns mit einem Patentrezept aus der Patsche hilft und aufopferungsvoll dafür sorgt, dass wir wieder Anschluss finden. So geht’s:

„Jetzt muss es dem Mann gelingen, auch die Vorteile von Empathie oder Sensibilität zu erkennen, die er bisher als rein weibliche Wesenszüge verschrien hat.“

Aha. Ich weiß ja nicht wer ‚der Mann‘ ist, aber als ein Mann, der zeitlebens unter Hochsensibilität litt, aus einem Callcenter flog, weil ihm ein Helfersyndrom unterstellt wurde und wegen solcher Vorkomnisse daran arbeitet rationaler und pragmatischer zu werden, halte ich die besagten „Vorteile“ solcher Wesenszüge bestenfalls für diskussionswürdig.

Aber vielleicht geschieht mir mein innerer Konflikt ja auch ganz recht. Was komme ich denn auch weiß, männlich und Plus-Minus-gepolt auf die Welt?

„Er steckt in der Krise. Schon wieder. Vielleicht ist es eine Dauerkrise. Vielleicht geschieht es ihm, dem weißen, heterosexuellen Mann, auch ganz recht.“

Eine Schlussfolgerung, die Max Tholl einfach mal dem Rassismus entliehen hat. Generalschuld aufgrund der bloßen Rasse und Identität. Kann man machen … nicht.

Merke: Wenn eine Satz mit „schwarz“ und „homosexuell“ nicht funktioniert, dann funktioniert er auch nicht mit „weiß“ und „heterosexuell“!

Zum Glück sind wir Penisträger alle dumm wie Brot und des Reflektierens nicht mächtig. Denn das kann nur Max:

„Für viele Männer stellt sich die Frage nach den Charakteristiken der Männlichkeit wahrscheinlich nicht. Sie denken so viel darüber nach wie Fische über Wasser. „

Und deswegen, lieber Max, werden sich auch nur die denkenden und fühlenden Männer von deinem Essay angesprochen fühlen. Solche, die dem überwiegend negativen Männerbild des Neo-Feminismus vielleicht gar nicht entsprechen, sich durch die permanente Pauschalkritik an Geschlecht, Alter und Hautfarbe jedoch immer öfter diskriminiert fühlen.

Du willst die Welt verbessern? Einen wertvollen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten? Menschen nicht gegeneinander aufhetzen?

Newsflash: Dann hör auf zuzuspitzen und zu simplifizieren! Polarisierung bringt garantiert niemanden weiter. Stereotypen zu erschaffen und im Sinne einer zeitgeistigen Ideologie genußvoll wieder zu dekonstruieren schafft Gräben statt Verständnis.

Das nächste Mal wenn du so einen Artikel verfasst, häng‘ bitte eine Widmung dran: „Für mein Ego“.

‚Der Mann‘ dankt es dir.

* hier geht es zum ganzen Maximi, Maxima, Maximax Blabla

Verdrängte Maskulinität

mann.jpg

Wenn ich mich im Internet mit meinen Fehlern auseinandersetze, bekomme ich schnell den Eindruck ich sei Donald Trump. Ich bin weiß, ich – naja – fühle mich zumindest alt, ich habe narzisstische Züge, bin impulsiv und jähzornig. Einen kleinen, aber markanten Unterschied gibt es zwischen uns beiden dann aber doch: Er würde es sich nicht eingestehen.

Grundsätzlich geht es mir so wie den meisten halbwegs gebildeten und modernen Leuten heutzutage: Ich halte Alphamännchen-Verhalten für problematisch, Empathie und Solidarität für die besten Wesenszüge des Menschen und sehe im hemmungslosen Opportunismus das Grundübel fast aller persönlichen und globalen Missstände. Verdammt – ich esse nicht mal mehr Fleisch!

Wie kann es also sein, dass ich mich mit diesem moralischen Unterbau gefühlt in der gleichen Schublade wiederfinde wie der olle McDonald?

Vielleicht, weil mein Verhalten und mein Erleben eine andere Sprache sprechen. Ich empfinde Liebe stark, aber ich verhalte mich bei Kränkung abwertend. Ich bin sensibel und empathisch, aber in kritischen Momenten doch zu selbstgerecht. Dominantes Gehabe ist mir eigentlich zuwider, aber ich versuche Konflikte dennoch viel zu oft mit der Brechstange zu lösen.

Auch dieses Verhalten kennen wir ja von Trump. Wenn er „make America great again“ sagt, muss ich an den Trash denken, mit dem ich aufgewachsen bin und der mich bis heute viel zu sehr nostalgisch in Beschlag nimmt. Als Kind der 80er Jahre bin ich bspw. mit Spielzeug und Medien groß geworden, die mir suggerierten, dass Konflikte nur mit Muskelkraft zu bewältigen sind. Als vaterloser Junge war ich äußerst empfänglich für die ganzen Hulks und He-Mans da draußen. Es gibt ein Problem? Du bist wütend? Wie wärs mit einer sofortigen Extraportion Muckis? Fand ich gut. Hat zwar nur in der Einbildung funktioniert und in der Realität hats maximal zum Wutschlumpf gereicht – aber immerhin. Wenn ich mich beruhigt hatte, war ich wieder der liebe Geigen-Junge mit den großen braunen Augen. Leider konnte ich mich bis heute nicht dazu durchringen dieses Verhalten als dysfunktional zu erkennen und abzulegen. Ich klammerte mich an diese Pseudo-Kraftquelle der Wut, weil ich nicht wusste wie wahre Stärke herzustellen ist.

Der schwierigste Teil der Selbstreflektion ist der Abgleich mit Stereotypen. Man stöbert, liest, interagiert im Netz und wird dabei seiner Individualität beraubt. Zuspitzende Artikel, verletzende Kommentare, schwarz-weiße Sichtweisen – vieles dieser Art muss man ertragen, wenn man sich auf diesem Weg selbst besser kennenlernen möchte. Man hat das Gefühl die Güte abgesprochen zu bekommen, die Hingabe, den guten Willen. Aktiv im Dialog oder passiv als Leser. Man wird auf die offensichtliche Ich-Schwäche und Störung der Impulskontrolle reduziert. Du willst ein lieber Kerl sein, aber du bist nur noch die Scherben, die du hinterlassen hast.

Aber ja: Irgendwann muss man sich selbst als Mann mit hohem Eigenanspruch wohl eingestehen, dass man im Wesenskern auch nur ein wild durch die Gegend urinierender, Bier trinkender Bratwurst-Assi ist. Verdrängt man diesen Persönlichkeitsanteil, bricht er unkontrolliert an der falschen Stelle aus einem heraus. Und dann definiert einen ausgerechnet der Teil der Persönlichkeit, den man unterdrückt hat, statt ihn zu pflegen und zu kultivieren.

Heimatlos

heimatlos.jpg

Rot-grau-braunes Köln. Nun atme ich sie wieder – deine gedeckte Luft. Tiefe Liebe habe ich hier erfahren und gegeben, schmerzhaftes erfahren und ausgehalten, Dinge aufgebaut, andere kaputtgemacht, gelernt, gewachsen und gealtert. Jetzt sind wir zwei alleine miteinander. Du hast nicht auf mich gewartet und ich stehe dir mit Skepsis gegenüber. Ich mag deine Offenheit und deine Vielfalt. Du hast deinen Stil, aber jeder ist willkommen. Du bist jedoch auch arm und ungepflegt. Du beherbergst viel zu viele Menschen. Egal was man von dir möchte – jemand anderes hat’s bereits bekommen. Der Rest steht Schlange.

Ich würde dich so gerne Heimat nennen, aber wie soll das noch gehen? Was bleibt von uns noch übrig, wenn die Liebe uns nicht mehr verbindet?

Weiß-blaues München, das sich anschickt immer grüner werden zu wollen. Du badest dich in Unschuld und versteckst den Schlagstock hinter Blumen. Du bist der gepflegte Garten eines grimmigen Rentners, der keinen Fehltritt duldet. Ich erkenne dich in vieler Weise wieder, aber du wirst mich wohl nicht mehr kennen wollen. Du ziehst Mauern hoch, weil du vom Schmutz der Welt nichts sehen willst. Und ja, du bist genauso so schön, wie du auch eingebildet bist: Ich liebe deine frische Luft, ich fühle mich mit dir verbunden. Du bist erste Heimat und Familie. Du hast mich geprägt, geformt, mir Furcht und Staunen beigebracht. Schön bist du geworden – modern und dennoch voller Tradition. Doch du bist Staatsgewalt und ich bin Freiheit. Für mich ist hier kein Platz mehr.

Ich werde dich wohl immer Heimat nennen, bleibe aber lieber Gast.

Backstein-rotes Hamburg. Du bist ein abenteuerliches, mir noch kaum bekanntes Fleckchen, das mich immer wieder kalt erwischt. Du lockst mit Traumjob, Freundschaft und dem Reiz des neuen. Eure Seeräuber und Piraten sind der letzte Hauch von Anarchie. Aber sie sprechen eine gänzlich andere Sprache und ankommen würde ich wohl nie. Wie ein Matrose draußen auf offener See, würde ich permanent ins Fernrohr gucken und vor Heimweh fast vergehen.

Ich kann dich niemals Heimat nennen und werd‘ diesen Weg nicht gehen.

Kleines, graues Städtchen Dormagen, mit deinen vielfältigen Akzenten. Deine Gastfreundschaft ist in diesen Zeiten ein Geschenk und ich werde es dir ewig danken. Man kennt sich schnell hier und jeder Einzelne hat einen Wert. Ich fühle mich von dir gesehen, wertgeschätzt und vielleicht sogar gewollt. Deine Intimität ist ungewohnt, deine Enge für urbane Geister klaustrophobisch. Doch du bist sehr gesellig und auch Einsamkeit kann sich wie Enge anfühlen.

Kannst du mir wirklich eine Heimat bieten?

Allzu ferne blau-türkise Strände Israels. Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wäre ich in Vaters Land geboren? Ja, ich habe deine Gene. Ja, ich hab‘ dein Temperament. Aber es ist viel zu spät um über Lebensweichen nachzudenken. Ich habe hier geliebt, gelebt und mich verschwendet. Es war bislang kein ideales Leben, aber meins. Lieber kämpfe ich um den Platz im Mutterland, als den Fußstapfen des Vaters, der mich niemals wollte, blind zu folgen.

Du wirst mir niemals eine Heimat sein.

Klänge im luftleeren Raum

luftleer.jpg

Das waren sie also…

…die sogenannten besten Jahre eines Menschenlebens.

Vor mir liegt ein jämmerliches Häufchen Lebensentwurf. Das alte Band-Banner zusammengerollt zwischen Möbelkram und unidentifizierbarem Firlefanz zweier Leute, die sich mal was aufbauen wollten. Vom Balkon schimpft eine reifere Dame auf mich herunter. Sie mag meinen Sperrmüll nicht. Ich gehe zurück an meinen Schreibtisch. So ganz tot bin ich noch nicht. Hier und da werden ja noch ein paar wohlklingende Töne durch die Datenautobahnen geschubst und landen vereinzelt als ein Haufen Nullen und Einsen in den digitalen Ramschkisten von Plattformkapitalisten wie Amazon, iTunes oder Spotify. Für die bin ich Kleinvieh, das auch Mist macht. Für mich ist es das ganze verdammte Leben. All die Aktivitäten drumherum – Events, die Schreiberei, Tontechnik? Nett, aber darum ging es für mich im Kern nie. Ich wollte auf die Bühne.

Für die bin ich Kleinvieh, das auch Mist macht. Für mich ist es das ganze verdammte Leben.

Ich wäre gerne mehr als das, aber ich musste mich früh entscheiden in welche Lebensbereiche ich meine begrenzten Ressourcen investiere. Gesunde Menschen mögen es schaffen viergleisig zu fahren (Job, Aufbau der Selbstständigkeit, Kunst & Familie). Mir war das dauerhaft nicht möglich. ADHS und Ängste beanspruchten einen großen Teil meiner Kräfte. Egal wie weit ich meine persönlichen Limits überschritt – für ein Leben in Stabilität reichte es nicht und nur für den Überlebenskampf zu existieren empfand ich als unwürdig. Also ignorierte ich das instabile Fundament und baute die Selbstverwirklichung auf dünnem Eis auf.

Das ist nun schon eine Weile vorbei. Musik ist nicht mehr Dreh- & Angelpunkt meines Schaffens – nur noch irgendwie da. Wie ein erloschener Stern. Manchmal dachte ich das sei okay. Dann könne ich vielleicht herausfinden wer ich sonst noch bin. Könne gesünder leben. Besser essen, mich mehr bewegen, den Stress reduzieren, Freundschaften und Beziehungen festigen, das Geldverdienen weiter in den Vordergrund stellen. Aber so klappt das nicht. Ohne die kreative Projektionsfläche als Zentrum meiner Existenz macht nichts Sinn.

Dieses Jahr werde ich zum letzten Mal ein Festival veranstaltet haben. Das letzte Mal mit meiner Ex-Freundin unter einem Dach geschlafen. Das letzte Mal meinen kleinen Kater Findus mit der Angel durch die groß geschnittene 70qm Wohnung gescheucht. Das letzte mal jünger als 40 Jahre alt gewesen sein. Und Türen, durch die ich nie gegangen bin, schließen sich.

Hello darkness, my old friend.

Was wird noch bleiben? Klänge im luftleeren Raum… vielleicht. Und wenn ich schließlich ganz verstumme, wird es fast so sein, als wäre ich nie hier gewesen.

Mein Musikjahr 2017

vinyl-musikjahr

An das Jahr 2017 werde ich mich vor allem wegen der Live-Events zurückerinnern. Ich war u.a. in Hamburg, Köln, München und Amsterdam unterwegs, darunter auf der Guns ‚N‘ Roses Reunion-Tour (mit netter Anekdote*). Die Veröffentlichungen blieben hingegen hinter den Erwartungen zurück. Auf dem Papier waren durchaus interessante Releases angekündigt, einige davon verschoben sich jedoch aufs Folgejahr, andere konnten mich nicht wie erhofft abholen.

Alben spielten für mich insgesamt noch weniger eine Rolle, als bereits in den Vorjahren. Einzelne Songs gewinnen bei meinen Hörgewohnheiten an Bedeutung.

Abseits meiner Top-Tracks auf Spotify war ich vor allem mit eigenen Projekten beschäftigt. So veröffentlichte ich im Frühjahr den zweiten MIRRORED IN SECRECY Longplayer „Solitution“, mischte andere Bands ab und hörte mich durch Bewerbungen für das Cologne Metal Festival V.

Hier sind meine Tops & Flops des Jahres:

NEWCOMER 2017

Neben der Musik gibt es für mich kaum etwas unterhaltsames als gute Wrestling-Shows. Ein Glück, dass beides mittlerweile auf hohem Niveau zusammengefunden hat. Wrestler gehören heutzutage zu den besten Athleten der Unterhaltungsbranche und die musikalische Untermalung hat man in der WWE dem zweiköpfigen Produzenten-Team CFO$ überlassen, die den Charakteren die passenden Songs auf den Leib schneidern.

Sowohl CFO$ selbst, als auch der niederländische Wrestler Aleister Black, waren in beiden Welten meine Newcomer des Jahres. Der düstere Metalcore-Track „Root Of All Evil“ lebt von einer markanten Hookline und einer bedrohlichen Stimmung, die wie Blacks Faust auf das Auge seines Kontrahenten passt.

SONGS 2017

1. A Perfect Circle – The Doomed

Lange war es still um Oberschnösel Maynard James Keenan und seinen beiden Bands. Während alle Welt ein neues TOOL Album erwartet, kam stattdessen ein unerwartetes A PERFECT CIRCLE Lebenszeichen um die Ecke – und was für eines. Mit „The Doomed“ ist es den Progressive Rock Allstars gelungen die Post Rock Formel in ein Hit-Format zu übertragen und dabei gleichzeitig eine Message zu transportieren, die mitten ins Herz trifft.

What of the pious, the pure of heart, the peaceful?
What of the meek, the mourning, and the merciful?
All doomed
All doomed

2. In This Moment – Roots

Sexy, verrucht, zerbrechlich – keine Sängerin mimt die White Trash Barbie so treffsicher wie Maria Brink. IN THIS MOMENT haben mit dem Album „Ritual“ erneut ins Schwarze getroffen. Trotz Gastsänger- und Cover-Overkill wohlgemerkt. Interessanterweise sticht vor allem ein Song heraus, der ohne Zuhilfenahme von Gästen entstand. „Roots“ ist ein energiegeladener, trotziger und super-griffiger Brecher für die Metal- und Alternative-Tanzflächen dieser Welt. Bleibt zu hoffen, dass die Truppe bald wieder an Selbstvertrauen gewinnt. Die Tour-Absage, die schwächelnde visuelle Umsetzung des Videos und die Gastbeiträge zeichnen das Bild einer Band, die derzeit mit sich zu kämpfen hat. Selbst in so einer Phase sind IN THIS MOMENT jedoch ein unverzichtbarer und einzigartiger Teil der Rock- & Metalszene.

3. Casper – Sirenen

Mit einem Jahr Verzögerung schaffte es das neue CASPER Album „Lang lebe der Tod“ endlich in die Läden. Der Titeltrack bombt immer noch alles weg, das nicht bei drei auf den Bäumen ist, wurde jedoch schon letztes Jahr veröffentlicht. Deshalb ist diesmal der zweitbeste Track des Albums in meiner Top 5 gelandet: „Sirenen“.

Der Künstler und sein Team haben ihren Riecher mal wieder am Puls der Zeit gehabt und mit diesem Song quasi die Vorab-Hymne zum G20-Desaster verfasst.

4. Anathema – The Optimist

Die britischen Melancholiker mögen einiges von ihrem früheren Biss eingebüßt und vielleicht nicht immer ganz ihrem Potential entsprochen haben. Dennoch gelingt es ANATHEMA immer wieder seelenstreichelnde Songs zu schreiben, die einen ganz weit weg tragen von allem was laut, chaotisch und überfordernd ist. „The Optimsit“ ist eine solche akustische Insel für audiophile Eskapisten.

5. Nigel Stanford – Automatica

Elektronische Musik ist normalerweise nicht ganz mein Beuteschema. In diesem Fall ist es allerdings das perfekte audiovisuelle Zusammenspiel aus Musik und Video. Der Song alleine funktioniert für mich nur halb so gut. Ein wirklich herausragendes, detailverliebtes Werk, das für mich mehr Kurzfilm als klassisches Musikvideo ist.

ALBEN 2017

1. In This Moment – Ritual

2. Casper – Lang lebe der Tod

3. Anathema – The Optimist

4. The Beauty Of Drowning – Sun

5. Life Of Agony – A Place Where There’s No More Pain

ENTTÄUSCHUNG 2017

Seit „Icon“ (1993) bin ich ein großer PARADISE LOST Fan. Die Musik der britischen Gothic Metal Legenden hat mein eigenes Schaffen maßgeblich geprägt. Keines ihrer Werke hat mich bislang jedoch so enttäuscht, wie das diesjährige „Medusa“. Die Doom Metal Gemeinde mag sich über weiteren Zuwachs gefreut und Fans der Frühphase nostalgische Empfindungen verspürt haben, aber „Medusa“ fehlt es an Feinschliff, Identität und Eigenanspruch. Zielgruppe analysiert, Zielgruppe bedient. Sieht nach Underground aus, ist aber nur mutloses Format.

KONZERT 2017

Es sind nicht immer die schönen Erinnerungen, die uns prägen. Mit dem Hamburger ANATHEMA Konzert verbinde ich eine leidvolle Erfahrung, die sich am Ende trotzdem gelohnt hat. Weil ich gelernt habe, bittersüße Empfindungen mitnahm und Veränderungen angestoßen wurden. In diesem Fall war das Konzert selbst nicht mehr als Hintergrundberieselung für den Film, der sich auf der Leinwand meines Lebens abspielte.

Setlist – Anathema. 01.11.2017 – Hamburg

Ehrenhalber sei hier auch das GUNS ‚N‘ ROSES Konzert in München erwähnt, das ich nach fast genau 25 Jahren endlich nachholen konnte. Zur damaligen Use Your Illusion Tour konnte ich nicht gehen, da sie mit einer Klassenfahrt nach Dänemark kollidierte. Das Cover von „Black Hole Sun“ als Hommage an den wenige Tage zuvor verstorbenen Chris Cornell war ein epischer Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Setlist – Guns ‚N‘ Roses, 13.06.2017 – München

Eine kleine *Anekdote gab es in Verbindung mit diesem Konzert auch noch. Schon auf der Hinfahrt im ICE von Köln nach München fiel mir auf, dass sich KAMELOT-Keyboarder Oliver Palotai in der Sitzreihe vor mir befand. Ich ließ den Mann in Ruhe, da er sich im Gespräch befand und schenkte ihm lediglich mein ausgelesenes Rock Hard Magazin, ohne zu verstehen zu geben, dass ich ihn erkannt hatte. Als er jedoch auf der Rückfahrt wieder in meinem Abteil saß, betrachtete ich es als Wink des Schicksals, sprach ihn an und zeigte im mein Cover von „Song For Jolee“ via Smartphone. Er bezeichnete es als eines der wenigen gelungenen Youtube-Cover des Songs und fand lobende Worte für meine Interpretation:

EIGENE MUSIK 2017

Apropos eigene Musik – dieses Jahr tanzte ich auf drei musikalischen Hochzeiten. Neben dem Release von „Solitution“ (Album auf Bandcamp) nahm ich eine Demo für ein neues Projekt auf und arbeite gerade mit zwei befreundeten Musikern an dessen Live-Umsetzung. Außerdem habe ich mit meiner guten Freundin und MIRRORED IN SECRECY Ex-Sängerin Julia an verschiedenen Songs gearbeitet, die wir 2018 als Duo in einem Nebenprojekt veröffentlichen werden.

Mirrored In Secrecy – Megrim (Album Track)

„Solitution“ ist auch in folgenden Stores erhältlich:

iTunes
JUKE!
Amazon

DEINE FAVORITEN

Was passierte in deinem Musikjahr 2017? Lass es mich im Kommentarfeld wissen 🙂