Neoliberalismus vs Digitalisierung: Im Zentrum einer Supernova

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Geschäft ist Geschäft. Man erledigt es am Schreibtisch, auf der Toilette oder an einem Baum. US-Amerikaner beschäftigen sich auch nicht mit Dingen, sie „dealen“ mit Ihnen. So will es der Sprachgebrauch. Einer dieser Dealer bekleidet seit letztem Jahr den vermeintlich mächtigsten Posten der Welt. Was macht das mit uns und was sagt das vor allem über uns aus?

Kabarettisten haben spätestens seit 2016 einen schweren Stand. Das pervertierte Endstadium unserer Zivilisation spiegelt sich ja nun realsatirisch in Trump wieder. Das Gesicht Amerikas ist eine bröckelnde Fassade, das verzweifelt versucht von Make-Up und Toupet zusammengehalten zu werden und die Antwort auf die Finanzkrise des letzen Jahrzents ist die Zuspitzung ihrer Verursachermentalität. Klimawandel? Lalala. Es erfordert viel Kreativität da noch eine humoristische Zuspitzung oben draufzusetzen.

Aber eines muss man festhalten: Dem hedonistischen Konsumenten westlicher Prägung dämmert sein Schicksal zunehmend. Zumindest unterbewusst. Seine Reaktionen sind vielfältig. Manch einer schlussfolgert korrekt, schmeißt Wachstum, Schaffe-Schaffe-Scheißle-baue und leere Konsum-Entschädigung für den Verkauf von Lebenszeit über Bord. Andere versuchen unliebsame Randgruppen aus ihrer Wahrnehmung zu tilgen (im Extremfall deren Existenz zu bekämpfen), um vermeintlich weitermachen zu können wie bisher.

Im Spiegel der Popkultur: Wir sind todesgespannt

Die Medien-Nerds unter uns üben den Umgang mit dystopischen Verhältnissen schon mal spielerisch. Wir sehen uns den Überlebenskampf in The Walking Dead an, spielen Survival-Games am PC und „craften“ uns aus post-apokalyptischem virtuellen Müll kreative Gebrauchsgegenstände. Kann ja nicht schaden mal nachzuspielen wie das so ist, nachdem der dicke Kim oder Trump den Atom-Phallus ausgepackt haben. Wir senken unsere Hemmschwelle durch einen Mischkonsum echter und gespielter Gewalt, bis das Todesvideo vom spanischen Torrero nur noch eine unspektakuläre Randerscheinung auf Blutfontänen-getränkten Bildschirmen zwischen Call Of Duty und Enthauptungsvideos ist.

„Prima-Blick-Kinositz, will sehen, wie’s an die Linse spritzt“
(Casper, Lang lebe der Tod)

Das virtuelle Sex & Gewalt Spektakel in der Grauzone zwischen Fiktion und Realität macht natürlich etwas mit uns. Die vielen Menschen, ihre Lust und ihr Leid werden zur Stangenware. Gerade der popkulturell beliebte Zombie ist eine wunderbar metaphorische Entsprechung eines gesichtslosen Feindbildes. Zum Beispiel das des Asylsuchenden. Schlurft zerlumpt in unser Land, hat keinen Ausweis in der Tasche, brabbelt unverständliches Zeug und will uns ans Leder. Sowas darf man ja wohl bitte zerstückeln dürfen.

Du bist ich und ich hasse dich

Die Tatsache, dass rechtspopuläre Strömungen nicht nur hier, sondern im Prinzip weltweit stattfinden, lässt die Vermutung zu, dass wir Menschen uns durch das Internet zu hassen gelernt haben. Empathie ist schwer herzustellen, wenn das Gegenüber kein Gesicht hat. Wir denken deshalb in vereinfachten Archetypen, die wir schneller einordnen können. Wohl dem Hater, der nicht verstanden hat, dass diese Archetypen hauptsächlich Projektionen eigener Persönlichkeitsanteile sind. Überhaupt sind blinder Egoismus und Opportunismus Eigenschaften, die für das Individuum oberflächlich von großem Vorteil sind. Dass ein einseitig auf Selbstgerechtigkeit gepatchworktes Weltbild seine Tücken hat und das empfinden von echtem Glück und wahrhaftiger Liebe beeinträchtigt, ist für den Erhalt der menschlichen Rasse wahrscheinlich notwendig und ein gerechter Ausgleich. Nichtsdestotrotz hat sich Opportunismus als Entsprechung rationalen Handelns durchgesetzt. Empathie lässt sich hingegen nur mit dem großen Ganzen erklären.

Der Filterbubble-König

Wir halten fest: Digitalisierung und Empathieverlust kommen scheinbar Hand in Hand. Wir wachsen elektronisch zusammen und entfernen uns menschlich voneinander. Als Reaktion auf die Entfremdung und im Zuge einer zunehmenden Unübersichtlichkeit von Informationen, zogen sich viele von uns in Nischen zurück. Besonders Facebook und Youtube unterstützen diese Entwicklung, indem wir auf unsere Vorlieben kuratierte Inhalte zu sehen bekommen. Damit einhergehend verloren die Medien Teile ihrer Reichweite an Nischen-Gurus. Viele dieser Influencer sind zurecht Vordenker und Spezialisten ihres Themas, andere eher Fanatiker, Panikmacher und Evolutionsbremsen. Letztere haben die Eigenschaft sich besonders als virtuelle Brüllaffen hervorzutun und dafür zu sorgen, dass sich allerlei Unfug rasend schnell verbreitet. Daraus entstand der geflügelte Begriff „Fake News“. Twitter-Trump ist einer dieser Obermuftis. Halb blöd und halb böse wie er ist, hat er den Vorwurf Fehlinformationen zu verbreiten einfach umgedreht und gegen die US-Presse verwendet. Der klassischen Logik zufolge hätte er mit so einem Verhalten niemals Präsident werden können. Aber Twitter-Trump setzte auf die Filterbubble und stellte somit auch die Machtlosigkeit klassischer Medien bloß.

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Doch wie erschafft man so ein Meinungsbiotop? Wie lenkt man Informationen so, dass sie sich gezielt in bestimmten Demografien verdichten und so sehr verfestigen, dass sogar wissenschaftlich nachprüfbare Fakten abgelehnt werden?

Zunächst braucht es hierzu eine Empfänglichkeit seitens des Nutzers. Wer ein lebendiges und diverses soziales Umfeld hat, in dem tiefgehende Gespräche möglich sind, wird sehr wahrscheinlich geringer auf digitale Informationen reagieren, als jemand der bevorzugt an PC und Smartphone kommuniziert. Die Algorithmen verstärken an sich nur den ohnehin menschlichen Drang nauch Austausch mit Gleichgesinnten. Der Information gegenüber muss der Nutzer positiv gestimmt sein. Um etwas gerne zu glauben, ist es hilfreich wenn unsere Probleme adressiert werden und die Lösung einfach und umsetzbar klingt. Gegen populistische Versprechen haben desillusionierende Fakten keine Chance. Und natürlich braucht es ein fruchtbares Umfeld an Influencern, welche die Saat säen. Wie es Trump geschafft hat die Verlierer des neoliberalen Systems für noch kapitalistischere Ideen zu begeistern, bleibt mir auch nach stundenlanger Recherche zum Thema ein Rätsel.

100 Jahre um zur Vernunft zu kommen

Eitelkeit, Opportunismus und Entfremdung sind jedenfalls Zeitgeistströmungen, die offensichtlich teils dem stockenden Weltwirtschaftswachstum, teils der digitalen Verrohung entspringen. Irgendwie haben es Rechtspopulisten dennoch geschafft abgehängten Ich-Menschen (oder solche die Angst davor haben) ein „wir“ zu verkaufen, obwohl sie vor allem der Hass eint und konstruktive Ziele durchaus differieren. Der derzeit vielleicht drastischste Schritt ist der Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen. Wir reden hier nicht von einer Gefahr, die uns irgendwann trifft, sondern von einer die wir und die nachfolgende Generation hautnah erleben werden. Beziehungsweise können wir ja jetzt schon die Bilder schmelzender Pole sehen, den Industrie-Dreck der im „ewigen Eis“ versteckt wurde und Wetterphänomene beobachten, die unserer Großindustrie entsprungen sind.

Fakt ist – und das behaupte ich, weil ich Stephen Hawking für einen der klügsten Köpfe dieser Zeit halte – dass wir mit der aktuell vorherrschenden Geisteshaltung, mit unserem derzeitigen Verhalten und der Abgabe der Verantwortung in die Hände narzisstischer Psychopathen auf ein schnelles Ende der Zivilisationen zusteuern. Wir waren schon mal viel, viel weiter. Die Hauptaufgabe der nächsten Jahrzehnte wird es sein, nachfolgenden Generationen zu vermitteln, dass der unmittelbare Eigennutz nicht die logischste, sondern die unmoralischste Art zu denken und zu handeln ist.

Familienernährungsscheiß

familienernährungsscheiss

Die Kreativität ist ein exklusives Wesen, das die Massenproduktion scheut und nur Menschen mit visionären Absichten beglückt. Das heißt natürlich nicht, dass Menschen ohne sie nicht produzieren könnten.

Das funktioniert im Gegenteil ganz ausgezeichnet. Den Dienstleister-Tod stirbt man nur innerlich. Wie ein Wanderplanet irrt man auf Autopilot mit der Restwärme des verblichenen Kreativitätssterns durch den hirnleeren Raum und beglückt Konsumzombies mit der ewigen Replikation einstiger Lebendigkeit.

Der übertaktete Wohlstandsprozess

Auf dem heiligen Markt – dem imaginären Pilgerort gläubiger Kapitalisten – ist der kleinste gemeinsame Nenner der Garant für den größten monetären Segen. Dadurch entsteht Wohlstand. Ein Begriff, der den quantitativ vermögenden Status von Einzelpersonen und Zivilisationen definiert. Der Aufwand für die Befriedigung von Grundbedürfnissen sinkt bei steigendem Wohlstand zunächst, steigt ab einer gewissen Produtktionsmasse- und Geschwindigkeit jedoch wieder an. Der Grund hierfür ist die Heraufsetzung von Taktung und Masse der individuell nötigen Arbeitsleistung. Unter diesem Leistungsdruck leidet die Befriedigung der Grundbedürfnisse, sowie die Sinnhaftigkeit der Arbeitsergebnisse. Ressourcen werden verschwendet und Seelen verheizt, weil ja jeder „von etwas leben“ müsse.

„Dann geh halt in den Wald…“

Nun steht es theoretisch natürlich jedem frei sich den Strukturen weitestgehend herauszunehmen. Ob Einsiedlertum im sozialen Kontext dieser Zeit noch etwas mit loslassen zu tun hat, oder bereits Selbstaufgabe ist, kann man wohl nur je Einzelfall beurteilen. Aber machbar ist es theoretisch, wenn man nur für sich selbst verantwortlich ist. Womit das System jedoch auch den großartigsten Individualisten am Ende klein macht, ist der Familienernährungsscheiß. Liebe verpflichtet. Mit der Ehe klickt die Handschelle zu. Mit der Geburt des ersten Kindes wird der Schlüssel in den Fluss des Lebens geworfen und vom unausweichlichen Lauf der Dinge hinweggespült. Spätestens jetzt bist du Teil des Systems und musst dir die neoliberale Story von der Vernunft und der Reife erzählen, um damit klar zu kommen.

Anspruch runter, Masse raus

Was unabhängig vom Familienstatus nahezu an Unmöglichkeit grenzt, ist die Erbringung von Leistung und die Taktung der Produktivität gemäß einer gesunden, intrinsisch motivierten Haltung mit einem qualitativ außerordentlichen Anspruch an das Endergebnis. Denn hierzu braucht man Zeit, eine Einbindung in soziale Strukturen und eine Teilhabe an den Ressourcen der Gesellschaft. Sinnvolle, selbst gewählte Tätigkeiten – womöglich noch in schwer monetarisierbaren Nischen – sind demnach zwingend an den verpflichtenden Umstand gekoppelt niveauherabgesenkte Fließband-Abbilder der eigenen Arbeit für zahlungswillige Abnehmer abzusondern. Weil das dem Hirn so schwer fällt und dem Herzen weh tut, benötigt der Profi emotionalen Abstand zur Arbeit und erprobte, wiederholbare Methoden zur Auftragserfüllung. Das klärt mit der Zeit ab und verdrängt die Intuition.

Jede Mieterhöhung, jeder Strompreiswucher, jede Bankgebühr, jeder Zinseszins, jede Mahnung und jeder Konsumwunsch verändert die Gewichtung der Arbeit zu Ungunsten der Selbstverwirklichung. War Teilzeitarbeit früher noch eine Option brotlose Künste, Kleinunternehmerei oder Ehrenämter zu finanzieren, so hat die Umverteilung des frei-radikalen Marktes zugunsten Wohlhabender dafür gesorgt, dass dem Rest überwiegend nur gepflegtes Vollzeit-Arschaufreissen als Lebensinhalt bleibt. So läuft das. Deswegen gucken wir uns alle so miesgelaunt in der Bahn an. Deswegen hauen wir die Hand des Partners bei Annäherungsversuchen an Feierabend weg. Deswegen rechnen wir auf Konzerten den „value for money“ durch, statt Spaß zu haben. Deswegen bingewatchen wir medialen Überfluss zur Entschädigung und frustrieren uns danach im Netz mit unseren abgeklärten „Expertenmeinungen“. Nichts gibts im Moment so billig und massenhaft wie Medien und Informationen. Gleichzeitig reicht die Energie nach Erfüllung dienstleisterischer Pflichten eh nur noch für passiven Konsum. Das Hamsterrad dreht sich. Braver Bürger. Hier haste eine Kreditkarte – kauf dir einen 4K-Fernseher.

Zeitabsitzen: Wo blühendes Leben verwelkt

Ja, für Leute die viel zu tun haben, sitzen wir erstaunlich häufig sinnlos herum. Meine besonderen Lieblinge sind die Stechuhr-Menschen. Deren Prinzip: Anwesenheit vor Resultate. Ein verzichtbarer Einsatz von Zeit und Mühe. Zuhause sind womöglich die Kinder alleine, die Katzen am jammern, ein Song wartet auf Fertigstellung, der Keller müsste entrümpelt werden, Flyer designt und eine Veranstaltung im Netz beworben. Ist aber nicht, weil Anwesenheit erforderlich. Stellung bewahren. Den Platz vorwärmen. Die Routine pflegen. Mal eine Spam-Mail löschen und so – ihr wisst schon. Und langsam löst sich das Kalenderblatt. Wenn so ein Tag rum ist, dann hat sich die Lebenskraft mit ihm verabschiedet. Denn das kleine Zeitfenster zwischen „Tschüß, bis morgen“ und „Guten Morgen zusammen “ verlangt nach Entspannung. Wer unter 30 – 35 ist haut hier vielleicht nochmal eine Produktivitätseinheit an Feierabend rein, aber irgendwann macht der Körper zu. Physisches oder mentales zusammenklappen ist vorprogrammiert, wenn man pausenlos die selbst gewählte Arbeit nach der fremdbestimmten runterreisst und dafür vor allem Schlaf und Ruhe opfert.

Haltet alternative Lebensentwürfe aus

Egal welche Bilder Bertelsmann, Springer und co. über Künstler, Ehrenamtler, Mütter, Erkrankte und andere nicht vollerwerbstätige Menschen bemühen mögen – sie sind im Wesentlichen Propaganda aus dem Blickwinkel der großindustriellen Lobbys. Die Wunschexistenzen großwirtschaftlicher Entscheider haben einen unbändigen Willen ihr Dasein als Zahnrad eines Unternehmens zu fristen. In der übrigen Zeit ziehen sie den neuen Arbeitnehmer- und Konsumentennachwuchs groß und dann sterben sie bitte möglichst früh, damit die Rentendebatte endlich vom Tisch ist. Andere Lebensentwürfe stören den Betrieb.

Abweichler werden in einschlägigen Formaten als „Kevins“ und „Mandys“ portraitiert, die sich – talentlos, faul und anmaßend – ihrer Rolle als Elektriker, Verkäuferin oder Putze verweigern. Oder man verpackt die entsprechenden Charakterzüge im C-Promi Format und forciert auf diese Art und Weise Welt- und Feindbilder. Wer bei den Jobcentern tatsächlich ein- und ausgeht, herauszufinden welche Biographien, Fähigkeiten und Referenzen dahinterstecken, wäre für einseitig informierte Menschen nicht weniger als ein Kulturschock. Diese Menschen werden meinen Beitrag kaum gelesen haben. Dennoch lautet meine Message: Haltet es aus, wenn wir gerade nicht am Bruttoinlandsprodukt mitwirken und stattdessen Herzensprojekte umsetzen. Das ist normal. Uns gabs immer. Verehrt und angespiehen ziehen wir uns als roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. In wirtschaftlich unruhigen Zeiten wird naturgemäß mehr gespuckt als verehrt. Und falls du gerade selbst vermehrten Speichelfluss und Plusterbacken-Symptome bei dir feststellst, frag dich bitte, ob du nicht auch besseres zu tun hast, als Ressourcenausbeutung, Überproduktion, Verteilungsungerechtigkeit und stressbedingte Erkrankungen zu forcieren.

New World Education vs New World Economy

Steueroasen, Briefkastenfirmen, Standortwechsel – das größte Problem der Weltwirtschaft ist die „dann geh ich eben woanders hin“-Mentalität großer Konzerne. Gleichzeitig sind Internet-Verbrechen aus ähnlichen Gründen schwer verfolgbar. Rechtspopulismus verspricht schnelle Lösungen durch Rückzug auf regionale Bedürfnisse. Aber was brauchen wir eigentlich wirklich?

Einmal mehr muss ich meinen Blog für ein Thema nutzen, das mir im Moment gerade mehr auf der Seele brennt als die kunstvolle Aneinanderreihung der 12 Töne unserer Tonleiter – namentlich der wirtschaftliche und moralische Zustand der Industrienationen. Seit der Wirtschaftskrise ist alles irgendwie anders. Als hitzköpfiger, idealistischer Jungspund konnte ich mir bspw. keinen größeren Horror vorstellen, als eine gleichgeschaltete Welt unter einem einzigen Regierungssystem. Zwar bedrückt mich diese Vorstellung noch heute, gleichzeitig verlangt der autoritäre Teil meiner Persönlichkeit nach drastischen und überschaubaren Lösungen.

Hard Reset?

Doch was wäre hierzu notwendig? Wohl kaum weniger als ein weiterer Weltkrieg mit einem klaren „Sieger“, der imperialistisch und größenwahnsinnig genug ist, die Welt ein für allemal im Sinne des zukünftigen Friedens zu unterjochen (*hust* USA). Wir wissen alle was mit dem Planeten passiert, wenn die roten Knöpfe gedrückt werden. Je nach Frustrationsgrad mag es ein erleichterndes Gedankenspiel sein, sich die Welt in Schutt und Asche liegend vorzustellen. Vielleicht würde die Folge verheerender Vernichtung sogar zu einer zeitweiligen Demut führen. Aber niemand sollte sich ernsthaft ein so großes Leid herbeiwünschen. Neuordnungen über Kriege herzustellen ist das letzte und primitivste Mittel, das der Mensch zu nutzen imstande ist. Wir müssen ja gerade von der Geisteshaltung weg, deren Endstadium der gewaltsame Konflikt um Regionen und Ressourcen ist.

Bildung, Bildung & noch mehr Bildung 

Leider bleibt uns realistisch betrachtet kaum etwas anderes übrig als weiter zu verhandeln. Um Standpunkte, Gesetze, Verteilungsungerechtigkeit und dies sowohl regional, als auch international. Um diesen Vorgang nicht alleine machthungrigen Psychopathen und deren Lakaien zu überlassen, müssen wir den gewählten Vertretern nicht nur auf die Finger schauen, sondern auch lernen wie das funktioniert. Auch hier heisst das Zauberwort vor allem „gemeinsam“. Selbsternannte One-Man-Instanzen, die Fake News „prüfen“, nur um dann selbst Gerüchte in die Welt zu setzen, sind bspw. einen Pfifferling wert. Das ist vielmehr Teil einer destruktiven Zerstreuung und Demoralisierung. Wenn wir von einem genug haben, dann ist es individualistische, anmaßende, unmoralische Dummheit. Sowohl auf machthabenden Posten, als auch im Bereich selbsternannter Weltverbesserer, die gerade dabei sind die wichtige Regulations-  Filter- und Vermittlungsinstanz Journalismus abzuschaffen. Und das mit einer Geisteshaltung, welche die Mistgabel zum federführenden Instrument medialer Berichterstattung erklärt.

All dem kann man nur entgegentreten, in dem man nachfolgenden Generationen ein deutlich modifiziertes Menschenbild und Wertesystem vermittelt. Weniger rohe Leistung, mehr Verstand, eine gesunde Moral und ein tieferes Bewusstsein für die Kernbedürfnisse des Menschen. Bildung darf nicht mehr die zweite Geige spielen. Wir brauchen reflektierten und motivierten Nachwuchs. Angst, Hektik und Mangel dürfen niemals mehr als Druckmittel benutzt werden. Hören wir doch endlich damit auf die Strukturen unserer Gesellschaften nach den niedrigsten Motiven auszurichten. Wir können nicht verhindern, dass es Opportunismus gibt, aber wir müssen ihn deshalb doch nicht zum Standard erklären. Eine intellektuell und moralisch reifere Zivilisation kann einen gewissen Anteil an niederen Instinkten aushalten. Eine strukturell an der gezielten gegenseitigen Übervorteilung ausgerichtete, kann man hingegen nur noch als gescheitert und unfassend reformbedürftig betrachten.

Etikette 2020

Wir müssen also eine neue Etikette formulieren. Und zwar für alle. Abseits von Religionen und  Marktgesetzen. Das verlangt der Zeitgeist. Die narzisstisch-autoritären Grimassen, die uns bspw. von den Spitzen Nordkoreas, der USA oder der Türkei vor die Nase gesetzt werden, sind nicht viel mehr als ein Spiegelbild unseres Versagens. Abgestumpft, frustriert von der Abwesenheit stabiler Werte und fairen Spielregeln, fehlt uns ein gemeinsames Motiv. Eine Vision, die über „jeder muss sehen wo er bleibt“ hinausgeht. Deswegen sitzen auf den dicksten Stühlen jetzt die größten Egoisten. Ohne Respekt vor Amt, Verantwortung und Menschen werden Mauern gebaut, Existenzen vernichtet, Deals auf den Schultern der Weltbevölkerung abgeschlossen und jeder mundtot gemacht, der sich erdreistet jenseits populistischer One-Liner zu reflektieren. Aber nur weil diese Dinosaurier sich an in ihrer 80er-mäßigen Hierachie und alten Erfolgskonzepten festbeissen, müssen wir das nicht abnicken und schon gar nicht nachahmen. Gebt den Kids eine „New World Education“,  erzählt ihnen was den Karikaturen von Staatsmännern Erdogan und Trump Aufmerksamkeit beschert und weshalb sie trotzdem solche Versager sind. Legt endlich die irrationalen Ängste vor Links ab und dekonstruiert das Bild von der vermeintlichen Vernunft neoliberalen Handelns. Der Common Sense muss unser Leitbild werden. So viele gute Seelen wollen eine bessere Welt – nehmen wir sie uns!

Weckruf der Pflicht

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In der perfekten Welt des Maximaloptimierers lässt sich Kreativität in ein Zeitfensterchen packen und auf Knopfdruck abrufen. Ich brauche Strukturen auch – um auszubrechen.  

Es ist ein Teufelskreis. Frei und zwanglos zu leben bedeutet letztlich ein Zusammenschrumpfen der Komfortzone, bis schon der Gang zum Kühlschrank zum Stressor wird. Ich habs im Sinne der Entfaltungsfreiheit (und weil ich entsprechend durch war) mehrfach ausprobiert – es funktioniert nicht. Ich brauche Deadlines, Druck und Termine. Selbstverständlich nicht um sie wahrzunehmen, sondern um stattdessen was anderes zu tun. Es ist erstaunlich wie mir die Zeilen plötzlich aus den Fingern gleiten, wenn ich eigentlich zum Zahnarzt müsste.

Not macht erfinderisch

Der Mensch funktioniert unter Druck einfach am besten. Das kann man drehen und wenden wie man will. Aber das heißt noch lange nicht, dass sich die Lösung auf das auslösende, aber untergeordnete Problem bezieht. Untergeordnet ist in meinem Fall die extrinsische Motivation. Von der lasse ich mich allenfalls aktivieren, um den daraus resultierenden Adrenalinschub in intrinsische Motive umzulenken. Ist egoistisch, kann man als minimalenergetisches Mängelexemplar nicht anders handhaben.

Work-Life-Art-Balance

Wobei: Mängelexemplar? Was der Babyboomer lapidar als Faulheit abtun würde, ist bei genauerer Betrachtung vielmehr eine individuelle Anpassungsleistung an die Anforderungen des Zeitgeists. Auf diese Differenzierung bestehe ich. Der Mensch braucht schließlich Anspannung und Entspannung. In einer Welt der zahlreichen Entfaltungsmöglichkeiten bei gleichzeitiger Unterbezahlung, Unsicherheit und Vereinnahmung durch den Beruf, haben ambitionierte Menschen heute oft zwei Jobs. Wer Musik macht, filmt, bloggt, programmiert, designt, ehrenamtlich sozial tätig ist, (Lokal-)Politik macht oder bspw. einen Onlineshop als Kleinunternehmer betreibt, weiß um die damit einhergehende Vierteilung. Wir tun derlei Dinge trotzdem, weil wir keinen Pfifferling mehr auf die Versprechen der alten Arbeitswelt geben. Renten kaputt, Sparbuch nichts wert, Job befristet, Sozialsystem abgebaut, Branche im Arsch, jetzt auch noch Trump an der Macht und Apokalypse am Horizont. So in etwa sieht die Welt für viele von uns aus. Nicht umsonst haben dystopische Geschichten Hochkonjunktur. Wo die Energien in diesem Fall hinfließen ist klar, ne? Wir sind gewissermaßen gezwungen „was aus uns zu machen“. Was fehlt, ist ein Modell der Marke „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und ein dazu passendes Bildungssystem, damit wir endlich zukunftsgerecht arbeiten können: Erfinden, kreieren, uns selbst versorgen, helfen oder eben für den gehobenen Konsum einer unbequemen Kackarbeit nachgehen, die in diesen Fall gerechterweise fürstlich entlohnt werden müsste.

„… Selbstwert, Befriedigung und Anerkennung… „

Die meisten mir bekannten Selbstverwirklicher verzichten derzeit vor allem auf Schlaf. Das kann ich nicht. Dafür verbrauche ich zu viel Kraft im Alltag. Deshalb nutze ich die Anforderungen der Arbeitswelt alten Welt als Motivationsbooster und lenke den Schub so schnell wie möglich in Projekte um, die meiner Existenz einen Sinn verleihen. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen das nicht möglich ist. In denen mich die eiserne Hand der gesellschaftlichen Zwänge so fest im Griff hat, dass ich keine Luft mehr bekomme. Das muss ich als Mensch dieser Übergangszeit – wie jeder andere auch – ertragen können. Flexibilität war zu jeder Epoche wichtig. Umso mehr freut es mich, wenn ich dem Griff wieder mal entkommen bin und die Dinge tun kann, aus denen ich Selbstwert, Befriedigung und Anerkennung gewinne.

In diesem Sinne: Herzlichen Dank für das Yin

Euer Yang

Gelenkte Angst, die Macht(-losigkeit) der Medien und die Kehrseite der Betroffenheit

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Als ich mich heute morgen begann mit der Frage zu beschäftigen, weshalb Medien und Menschen dieser Tage so infantil auf öffentliche Ereignisse reagieren und selbst gehobenere Blätter wie die SZ zumindest die Ansprache des Lesers darauf ausrichten, bin ich über die Kulturwissenschaft gestolpert. Hätte ich das mal besser gelassen, denn meine Laune war anschließend hinüber.

Da gab es im letzten Jahrhundert einen Michael Foucault, der wohl bedeutsame Literatur in diesem Bereich veröffentlicht hat und von einer sogenannten „Bio-Macht“ sprach – eine Machttechnik (alleine der Begriff stellt mir die Nackenhaare auf), die nicht die Steuerung Einzelner, sondern ganzer Bevölkerungsgruppen betrifft. Ein Punkt ist bspw. „…die Bevölkerung als Produktionsmaschine zur Erzeugung von Reichtum, Gütern und weiteren Individuen [zu] nutzen.“ Wissen tun wir ja alle, wie das System aufgebaut ist, aber es tut schon weh das nochmal so trocken und pointiert vor Augen geführt zu bekommen.

Und das ist aus Sicht der Sozial- & Kulturwissenschaften wohl noch ein lebensbejahendes Machtprinzip. Sie sei weniger hierarchisch und richte sich stattdessen an einer Norm aus. Auch über unser Intimleben fand der Mann übrigens erbauliche Worte:

„Die Sexualität liegt letztlich genau an der Verbindungsstelle zwischen der individuellen Disziplinierung des Körpers und der Regulierung der Bevölkerung. (…) Die Sexualität ist das Bindeglied zwischen anatomischer Politik und Biopolitik; sie liegt am Kreuzungspunkt der Disziplinierungs- und Regulierungsformen, und in dieser Funktion wird sie Ende des 19. Jahrhunderts zu einem erstrangigen politischen Instrument (…).“

Die Sexualität sei ferner eine Angelegenheit des Staates und des Gesundheitssystems. Klingt in der Tat sexy. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es offensichtlich viele Hebel zu geben scheint um Massen zu steuern und diese ganz offensichtlich auch über verschiedene Kanäle genutzt werden. Wobei die Beeinflussung selten durch ein Medium selbst angestoßen wird. Die Standards der Normkultur werden an verschiedenen Knotenpunkten der Gesellschaft durch Einflussnehmer impliziert und bahnen sich anschließend eigen- & sozialdynamisch ihren Weg zum Bürger.

Der Spagat zwischen Freiheit und Kontrolle

Was mir dabei aber auch aufgefallen ist: Die Infantilität bzw. Emotionalität, die uns allerorts begegnet, ist offensichtlich eher das Ergebnis eines Kontrollverlusts durch regulierende Kräfte. Die primäre Einordnung des Tagesgeschehens erfolgt heute durch die lautesten und schnellsten. Dachte man früher der Worst-Case der Berichterstattung wäre die (sich wieder einmal selbst unterbietende) Bild-Zeitung, so muss man heute einräumen, dass der ungefilterte Strom an Gerüchten, Meinungen und Kommentaren dieses Niveau in seiner Gesamtheit noch unterbietet.

Der grundsätzlich humane und demokratische Post-68er Ansatz, ungewöhnliche Lebensentwürfe zu tolerieren und das amerikanische Freedom-of-speech Prinzip, trafen in diesem Jahrhundert auf einen digitalen Wilden Westen und einer daraus resultierenden Nischenbildung von Interessen und Haltungen. Was zunächst eine wunderbare Spielwiese für Intellektuelle, ein hedonistisches Paradies für Konsumenten und eine liberalisierende Entwicklung für Paradiesvögel war, ist seit der zunehmenden Bevölkerung des Netzes durch Otto-Normal-Verbraucher ein großes Problem für die alten Machtapparate Staat, Wirtschaft und Medien geworden (Wutbürger, Aluhutträger etc.). Ich bin überzeugt davon, dass das langfristig gut ist, aber im Moment überfordert und destabilisiert uns diese Situation. Wir stehen mit einem Bein in der alten Welt, die uns Ordnung und Wachstum versprach. Mit dem anderen tasten wir uns in Richtung Post-Kapitalismus voran, müssen hinsichtlich der Informationen selbst die Spreu vom Weizen trennen und haben absolut keine Ahnung, wie wir mit dieser Freiheit und Verantwortung umgehen sollen.

Inmitten dieser Überlegungen ertappe ich mich dabei, mir Gedanken über Regulierung und Kontrolle zu machen. Als äußerst freiheitsliebender Mensch, der Normen und Regeln immer wieder anzweifelt, ein unangenehmes Gefühl. Nun kann und soll aber niemand Twitter und co. abschalten, der Internet-Führerschein bleibt besser Gegenstand der Comedy und auch so habe ich wenig Ideen, wie sich eine Qualität der Informationen zwischen Nutzungsfreiheit sozialer Medien und institutioneller Regulierung herstellen lässt. Die frühe Vermittlung von Medienkompetenz ist sicherlich der wichtigste Baustein. Sich nur auf Bildung zu verlassen, erscheint mir jedoch eine unbefriedigende und unvollständige Lösung zu sein.

Werther-Effekt

Nun geht es ja nicht nur um die Verbreitungsgeschwindigkeit und Qualität von Informationen. Die Negativität und die Hysterie in deren Inhalt ist ein noch viel größeres Problem. Wobei speziell die Hysterie eine sehr diffizile Angelegenheit ist. Denn dazu gehört bspw. auch die gut gemeinte Beileidsbekundung. Gewalttaten erfahren dadurch eine enorme Aufwertung. Unser Mitleid ist Beifall auf der Bühne der Amokläufer, Terroristen und Attentäter. Im Bezug auf Suizide haben sich professionelle Medien auf eine zurückhaltende Berichterstattung geeinigt. Hintergrund ist der Werther-Effekt – die Gefahr der Verklärung und Nachahmung. Das funktioniert so gut, dass Selbstmorde auch in sozialen Netzwerken nur kleine Wellen schlagen. Warum geht man mit mindestens ebenso gefährlichen Themen wie Terrorismus und co. nicht ähnlich unaufgeregt um? Jeder, der um die Potentierung der Problematik durch emotionale Anheizung weiß und dies um der Aufmerksamkeit willen ignoriert, macht sich der Mittäterschaft bei Nachahmung schuldig. Das gilt für das große Tagesblatt ebenso, wie für den einzelnen Internet-Nutzer.

Massig Hysterie für wenige Profiteure

Die Medien wollen sich aber nicht zügeln, da Angst bare Münze für sie bedeutet. Klar – fast immer, wenn irgendwo etwas im argen liegt, steckt natürlich ein Ressourcenproblem dahinter. Ob nun die tatsächliche, oder die empfundene Gefahr zu kurz zu kommen – wirtschaftliche Zwänge sind wohl die häufigste Ursache von menschlichem Fehlverhalten. Der Wirtschaftskreislauf ist mitnichten so ein gleichmäßig zirkulierendes System, wie es die Bezeichnung suggeriert. Er hat so viele Engstellen, dass man sich fast wundert, warum es noch nicht zum globalen Kapitalinfarkt gekommen ist. So gut wie alle hier aufgeführten Problembereiche haben ihren Ursprung in Armut, Ausbeutung und Verteilungsungerechtigkeit. Dazu gehört der Umgang imperialistischer Großmächte mit Krisenregionen (oder Regionen, die zu solchen gemacht wurden), Verknappung der Mittel für Bildung und Sozialwesen, Enteignung des Mittelstandes und damit indirekter Förderung einer Kostenloskultur in der Mitte der Gesellschaft. Das lässt sich nicht alles auf disruptive Auswirkungen der Digitalisierung schieben. Die Menschen müssen bspw. auch das Geld haben Qualitätsmedien zu bezahlen. Schon jetzt schrumpfen sich zu viele Journalisten auf Werbetexter-Format und verscherbeln ihre Profession im Content Marketing, weil Praktikanten, Ehrenamtler oder verzweifelte Dumping-Freelancer ihren Platz eingenommen haben. Und diejenigen, die tatsächlich noch das Privileg haben ihrem eigentlich Berufsbild in angemessener Form nachzugehen, sind oftmals angehalten dies auf eine bestimmte Art und Weise zu tun – und zwar mittels Sensation, Katastrophenbeschwörung, Verkürzung, Polarisierung und Emotionalisierung. Es ist beschämend. Der mutlose und opportunistische Selbsterhaltungstrieb solcher Sender, Verlage und Redaktionen macht diese erst recht obsolet. Vielleicht nicht unmittelbar wirtschaftlich, aber letztlich sitzen wir alle auf dem selben Ast, an dem hier gesägt wird.

Wenig besser ist die Weiter-so-Fraktion der Systemmedien. Hier wird der Kapitalismus als „Mitte“ und die Unterstützung der Konservativen als „Vernunft“ deklariert. Das erinnert frappierend an das amerikanische „good & evil“ Prinzip, auf dessen Grundlage der westliche Imperialismus gerechtfertigt wurde. Und während diese „vernünftige Mitte“ weiter Raubbau an Umwelt und Völkern betreibt und eine zum Selbstzweck verkommene, nimmersatte Gier zu befriedigen versucht, gehen ganze Nationen vor die Hunde. Das wissen und spüren auch die Ungebildeten. All die Rastlosigkeit, der Hass, die Hysterie und Unreife dieser Zeit ist im Wesentlichen auf die Ungerechtigkeit der westlichen Lebensweise zurückzuführen. Könnte man sich darauf einigen, statt sich in längst überwundene Konflikte und starre politische Klassen zurückwerfen zu lassen, wäre es einfacher Profiteure in „unserer Mitte“ zu entlarven. Die besondere Schwierigkeit ist es dabei deren Anteile in uns selbst aufzudecken und zu bearbeiten. Die vorübergehende Leere auszuhalten, wenn ausgediente Vorstellungen, Bedürfnisse und Werte auf dem Prüfstand stehen. Betroffenheit ist nur eine emotionale Regung, die das Gewissen befriedigt und dem Kollektiv bestenfalls als moralischer Kompass dient. Vor allem aber macht sie träge und bietet der Gewalt eine öffentliche Bühne. Was wir in unserer Zeit jedoch wirklich brauchen, ist Besonnenheit, Reflektion und eine progressive Haltung.

Survivalguide für erschöpfte Krieger

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Du erkennst Situationen blitzschnell. Erfühlst Gefahr oder witterst Gelegenheiten. Du ruhst lange und agierst bei Bedarf unmittelbar. Du bist ein archaisches Wesen und die moderne Welt überfordert dich.

Das System braucht dich, aber nicht deine Fähigkeiten. Du bist nichts anderes als die abgepumpte Milchkuh, das eingepferchte Schlachtschwein oder der abgerodete Baum – degradiert zur Ressource. Es verlangt, dass du wider deiner Natur lebst. Unfrei und fremdbestimmt.

Entkopplung von einer natürlichen Lebensweise

Die Lebensmittel, die das System produziert, sollen deine Sinne verwirren. Die Chemie dafür sorgen, dass deine Instinkte stumpf werden. Ihre Manipulationsinstrumente ersetzen deine wahren Bedürfnisse, züchten Abhängigkeiten heran. So stellen sie sicher, dass dich die Freiheit mit Angst erfüllt, solltest du dich je einmal in die freie Wildbahn verirren. Nun bist du zwar ein Mensch und vermutlich auch ein gar nicht mal so doofer, aber die 20% Bewusstsein, welche deine 80% Instinkt zähmen sollen, taugen nur bedingt als Dompteur. Das bedeutet freie Fahrt für den Strategen. Denn wo immer der alltägliche Kampf um Ressourcen wie Güter, Geld oder Daten tobt, gewinnt der rationale Kopf.

Weisheit statt Knüppel

Die Lösung klingt zunächst einfach: Ein Krieger, der seinem Feind so klar ins Angesicht blicken kann, könnte ja nun kämpfen. Aber so einfach ist es nicht, denn der Kapitalismus ist ein Parasit. Er versteckt sich hinter lächelnden Gesichtern, in Automatismen und auch im Krieger selbst. Er lässt sich nicht durch Kampf besiegen, sondern durch loslassen. Der Krieger muss lernen seine Weisheit statt seiner Waffen zu nutzen – ein lebenslanger Prozess.

„Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gebe
Und hinter tausend Stäben keine Welt“
(Der Panther, Rilke)

Ein brüllender Löwe hinter Gittern macht niemandem Angst. Er taugt allenfalls als amüsante Attraktion. Menschen wie wir dürfen nicht zulassen, dass sich unsere Aggression gegen uns selbst richtet. Dauerhafte Selbstschädigung ist die ultimative Niederlage und Selbstvernichtung die kleinstmögliche Freiheit zum höchstmöglichen Preis. Wir müssen zusehen, dass wir mehr aus der Situation herausholen. Unser Feind ist durchtrieben, schlau und wandlungsfähig, aber er kennt keine Güte, keinen Frieden und keine Genügsamkeit. Das sind Werte, die uns leiten sollten.

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Der Guide

1. Entdecke deine Instinkte wieder

Das moderne Leben ist verworren, deine Fähigkeiten und Anlagen kaum kultiviert. Überlagert von sozialen und finanziellen Zwängen hat sich deine Persönlichkeit womöglich so sehr zurückgezogen, dass du nicht mehr wirklich weißt, wer du hinter den Konflikten wirklich bist. Räume auf – entrümple – schaffe Klarheit. Blicke angstfrei auf deine Seele und horche rein, wohin es sie zieht. Identifiziere wahre Bedürfnisse und löse dich von den falschen.

2. Fokussiere dich auf deine Stärken

Schluss mit der Verbiegerei! Delegiere den Mist, der dich vom Leben abhält. Leiste dir Anwalt, Steuerberater und schließe eine Rechtsschutzversicherung ab. Kannst du dir nicht leisten? Auf sie zu verzichten noch weniger! Deine Papierkrieger halten dir den Rücken frei, damit du vorne raus agieren kannst. Setze voll und ganz auf die Talente und Fähigkeiten, die dich stärken und in denen du gut bist. Schärfe deine Klinge und finde deinen Biss wieder – tue wieder öfter was du kannst und liebst.

3. Übe dich in Geduld

Ein Krieg besteht selten aus nur einer Schlacht. Deine steinzeitlichen Instinke drängen auf die schnelle Auflösung von Konflikten, aber so funktioniert das heute nicht mehr. Unser Gegner ist kein wildes Tier, von dem wir Tage zehren können. Konflikte werden etappenweise ausgefochten. Wir müssen lernen Ruhe zu finden, auch wenn die Umgebung nach permanenter Aufmerksamkeit verlangt. Beschäftige dich mit Achtsamkeit und Meditation, schaffe dir ein harmonisches Umfeld oder finde Alternativen, um zur Ruhe zu kommen und Kraft zu tanken.

4. Sei kein Barbar, sei ein Ritter

Verbünde dich mit den armen und schwachen Menschen. Gewinnmaximierer und Datensammler mögen solche Leute nicht. Die ihnen zugeordneten Datenprofile bezeichnen Big Data Kollektoren als „Trash“. Klassischer agierende Kapital-Strategen versuchen den geringen Lifetime-Value solcher Kunden durch Kostenfallen, Mahngebühren, Knebelverträge und Bürokratie-Terror zu erhöhen. Der einzelne Arme bleibt auch so eine schnell ausgeschöpfte Ressource, da machts dann einfach die Masse. Sei kein barbarischer Einzelkämpfer, der nur den eigenen Hunger stillt. Hilf diesen Menschen sich selbst zu helfen. Löse dich von den Fesseln der Kapitalisten und zeige den Armen und Schwachen wie es geht. Baut Netzwerke und alternative Strukturen auf. Unterwandert das System. Kämpfe an vordester Front für die guten Ideen derer, die weniger Kampfgeist haben als du.

5. Vermeide Nebenkriegschauplätze

Irgendwo kracht es, jemand schreit. Du schreckst hoch und dein Herz schlägt schneller. Alle Menschen reagieren auf Alarmsignale zunächst instinktiv. Systemstrategen wissen das und nutzen Affekte für Polarisierung. Ist diese politisch motiviert, ist es das Ziel Personengruppen gegeneinander aufzuhetzen. Geht es um Produkte, dann um eine große Markenverbreitung. Medien agieren zwar öfter unabhängig, als man denkt, polarisieren tun sie trotzdem. In diesem Fall um Einnahmen aus Verkäufen und / oder Werbung zu steigern. Das alles interessiert dich als weiser Krieger nicht. Das Geschrei in den Medien und sozialen Netzwerken ist für dich nur Geräuschkulisse. Du lässt dich vor keinen Karren spannen und kaufst nichts. Bleib fokussiert auf deine Ziele und lass dich nicht von Nebensächlichkeiten aus der Ruhe bringen.

„Das Gute scheint immer das Schwächere zu sein und doch erhellt es die Welt“
(Peter Bamm)

Mein Musikjahr 2016

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Es gibt zwei prägnante Sinneswahrnehmungen, die sich in meiner Erinnerung mit dem jeweiligen Lebensabschnitt verknüpfen: Gerüche und Musik. Geht es euch auch so?

Dieses Jahr war ich endlich auch selbst wieder ordentlich aktiv, auch wenn es mit der Band-Reaktivierung nicht ganz klappen wollte. Dank meines Umstiegs von MP3-Downloads auf Streaming hörte ich die letzten Monate deutlich mehr Musik als die Jahre zuvor. Dadurch stieß ich auch auf meine Neuentdeckung des Jahres.

NEWCOMER 2016

Der wunderbar gefühlvolle Doom Metal rund um SWALLOW THE SUN Gitarrist Juha Raivio und der in diesem Jahr leider verstorbenen Aleah Starbridge (u.a. Add. Vocals bei AMORPHIS & SWALLOW THE SUN) pendelt stimmungsmäßig zwischen „October Rust“ (TYPE O NEGATIVE) und DRACONIAN und verzichtet dabei auf jegliche harsche Vocals. Ein menacholischer Klangteppich, der mich besonders über den Herbst hinweg begleitet hat.

SONGS 2016

1. Casper – Lang lebe der Tod

Keine Frage – wir leben in dystopischen Zeiten. Destabilisierung weltweit, Industrie 4.0 und Digitalisierung auf der anderen Seite. Dementsprechend spiegeln uns Filme, Serien und Musik dieses Lebensgefühl wider. Der neue CASPER Song „Lang lebe der Tod“ ist The Walking Dead gucken aus der Vogelperspektive. Wieder einmal gelingt Casper hier ein pointiertes Zeitgeist-Dokument, wie schon in „Der Druck steigt“ auf „XOXO“.

2. Katatonia – Old Heart Falls

KATATONIA sind seit nunmehr zwei Jahrzehnten ein Garant für besonders edle Hartgitarren-Klänge mit kuschelig-wohligem Samtbezug. Die Extravaganz der Band wird durch die gelungenen Progressive Rock Beimengung auf „The Fall Of Hearts“ noch weiter unterstrichen. Der Vorab-Track „Old Heart Falls“ bleibt mein Favorit.

3. Trees Of Eternity – Broken Mirror

Mein Top-Newcomer landet auf Platz 3.

4. Amon Amarth – Raise Your Horns

AMON AMARTH ist auf der aktuellen Scheibe „Jornsviking“ DER Gitarrensound gelungen – satt, brutal, punchy und crisp. Das allein ist die halbe Miete bei einem Track wie diesem. Darüber hinaus ist „Raise Your Horns“ ab sofort Standardtrack für jegliche Metal-Party, die ich künftig noch schmeissen werde.

5. Megadeth – Dystopia

Ein weiterer dystopischer Track in meiner Top 5. MEGADETH sind in Sachen Spielfreude mittlerweile auf dem Niveau der frühen 90er Werke angekommen. Technisch war die Band selten besser. Das klingt so frisch und auf den Punkt gebracht, da können sich die Herrn Hetfield / Ulrich (METALLICA) gerne noch eine Scheibe abschneiden. Der Titeltrack „Dystopia“ ist ein echter  Hit!

ALBEN 2016

1. Katatonia – The Fall Of Hearts

Die schwedischen Edel-Rocker überzeugen auch diesmal wieder über die komplette Albumdistanz.

2. Metallica – Hardwired … To Self-Destruct

Nicht so perfekt wie die Frühwerke, aber dank dem Video-Konzept und der Doppel-CD Veröffentlichung ein Album, mit dem man sich als Fan der Band intensiv beschäftigen kann.

3. Trees Of Eternity – Hour Of The Nightingale

Auf Albumänge vielleicht ein klein wenig zu gleichförmig, aber die Songs auf „Hour Of The Nightingale“ sind für sich selbst betrachtet pure Magie.

4. Lacuna Coil – Delirium

Eine modernere, härtere Neuinterpretation des Bandsounds, der wunderbar funktioniert.

5. Evergrey – The Storm Within

Der ewige Aussenseiter Tom S. Englund schafft es mit dem neuen EVERGREY Album endlich mal in eine meiner Top-Listen. Sonst immer knapp vorbeigeschrammt, weil der letzte zwingende Ticken fehlte, gibt es an „The Storm Within“ rein gar nichts mehr auszusetzen.

ENTTÄUSCHUNG 2016

Die Heavy Rocker GRAND MAGUS haben dieses Jahr mit „Sword Songs“ leider einen sehr müden Abklatsch ihres Vorgängerwerks „Triumph & Power“ verbrochen. Vielleicht tut eine kleine Pause not?

KONZERT 2016

Ganz klar KATATONIA in der Live Music Hall, Köln. Tolles neues Album, wunderbare Setlist. Das mit meinen Lieblingsmenschen in meiner Lieblingslocation – besser gehts nicht.

Setlist

EIGENE MUSIK 2016

Dieses Jahr war ich fleißig. Ein komplettes MIRRORED IN SECRECY Album wurde geschrieben und wartet derzeit auf seinen Release. Dazu eine Akustik EP namens „Love In Dystopia“, welche direkt im Anschluss daran entstand und bereits via Bandcamp veröffentlicht wurde.

Mirrored In Secrecy – Bittersweet

Der Vorab-Track zum kommenden Album „Solitution“, welches ich leider auf 2017 verschieben musste.

Isaac Davids – Love In Dystopia (EP)

Vier Tracks über Liebe, Hoffnung und Selbstbestimmung in widrigen Zeiten.

DEINE FAVORITEN

Was passierte in deinem Musikjahr 2016? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

Winter, so what?

Ich kann heute nicht mehr verstehen, dass ich den Winter mal geliebt habe. Frieren, schlechte Laune – wer braucht das? Aber zumindest kann ich ihm trotzen.

So Winter, du meinst also wegen dir verzichte ich auf die freie Wildbahn? Du denkst du schüchterst mich ein mit deinem rutschigen Boden? Du meinst du kannst mir sämtliche Produktivität und Kreativität entreißen, wie den Bäumen ihre Blätter?

Kollege Apfelbaum und ich sehen das anders. Wir machen trotzdem unser Ding. Da kannst du eisig hauchen und rumdüstern wie du willst. Hier in NRW bist du eh nur ein Schatten deiner Selbst. Und nicht mal in Bayern hast du mich kleingekriegt, du alljährliche Möchtegern-Naturkatastrophe. Du windiger Abklatsch der Eiszeit.

Ich pack jetzt meinen hochsommerlichen 37-Grad-Körper ein und lass es krachen. So sieht’s aus!

Wunderwesen Katze: Vielseitig & intelligent

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Tapp, tapp – das Geräusch meiner Katzen auf dem Laminat möchte ich nach rund zwei Jahren mit den beiden nicht mehr missen. Ich wollte Haustiere und bekam Familienmitglieder.

Ich bin vor allem ganz entzückt und fasziniert von der Vielseitigkeit der Kater. Wie sie sich ausdrücken können und wie sie ihre Gewohnheiten entwickeln und mit der Zeit verändern.

Charakterköpfe

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Dass Tiere nicht so monoton und hirnlos sind, wie man es ihnen früher nachsagte, erahnte ich schon als Kaninchenbesitzer. Eine solche charakterliche Unterschiedlichkeit und emotionale Vielseitigkeit wie ich sie bei meinen Fellnasen Linus und Findus erlebe, ist hingegen eine neue Erfahrung für mich.

Labertaschen

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Speziell Linus ist eine echte Quasselstrippe. Alleine seine Lautsprache differenziert verschiedenste Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Er kann vorsichtig fragen, einen Umstand beklagen, Freude ausdrücken, Ungeduld äußern, sich ärgern, Reue zeigen, sich wundern und vieles mehr. Findus drückt hingegen viel über Mimik und Körpersprache aus. Vor allem die Augen sprechen bei ihm viel. Behaglichkeit, Angst, Freundlichkeit oder Neugier lassen sich problemlos voneinander unterscheiden.

Gewohnheitstiere

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Auch wenn die beiden durchaus nerven können, sind sie für mein Gemüt ein Segen. Nicht nur weil sie flauschig, anschmiegsam und menschenbezogen sind. Auch ihr Lebensrhythmus hat etwas beruhigendes und ausgleichendes. Ich neige zu Chaos und bin an sich kein Freund von allzu starren Strukturen. Die Katzen fordern jedoch Routine ein und machen sich bemerkbar, wenn es Zeit für spielen, füttern oder frische Luft ist. Ihre innere Uhr funktioniert hervorragend. Ich könnte ohne Uhr leben und wüsste anhand meiner Katzen in etwa wie spät es ist.

Sozial & anpassungsfähig

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Katzen sind viel anpassungsfähiger, als man es ihnen nachsagt. Sie haben ihren Rhythmus, aber sie nehmen auch den der Menschen an. Wenn das Licht ausgeht wird noch kurz ausgetobt, dann ist ebenfalls Schlafenszeit. Frechdachs Linus macht es sich gerne am Fußende bequem und Angsthase Findus sucht sich ein ruhiges Eckchen. Dann wird geschlafen bis die Menschen sich bewegen. Auch das o.g. Miauen ist übrigens ein Versuch mit Zweibeinern in ihrer Sprache zu kommunizieren. Die Katze benutzt dazu ihre „Babysprache“ und guckt sich den Rest von den Menschen ab. Das ist auch der Grund warum keine Katze wie die andere quasselt. Das genetische Programm kennt nur Grundäußerungen wie Maunzen und Schnurren, der Rest ist erworben.

Köln: Zentrum der Armut

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Im graustaubigen Schleier der Kölner Bucht ist nicht nur die Luft deutlich trüber, als ich es von meiner Heimat gewohnt bin. Seit mehr als zehn Jahren lebe ich nun hier und immer noch bestürzt mich der Zustand dieser Stadt. Zumal er sich über die Jahre weiter verschlechtert hat.

Die Kränklichkeit der hier lebenden Menschen war eines der ersten Merkmale, die mir im Zusammenhang mit dem Stadtbild aufgefallen sind. Plakative Dinge, wie die vielen Rollatoren und Krücken ebenso, wie das häufig ungepflegte Erscheinungsbild der Passanten. Dies gepaart mit einer Geräuchkulisse aus Husten, Geschimpfe und heiserem, alkoholisiertem Gelächter. Der über Mülleimern vornübergebeugte Pfandflaschensammler gehört genauso zum täglichen Programm, wie ausfallende Bahnen, verschmierte Bahnhöfe und kaputte Rolltreppen.

Am Anfang hatte ich den Verdacht meine Eindrücke beschränkten sich auf den Nahverkehr und umliegende Gebiete. Elend liebt Bahnhöfe ja aus unerfindlichen Gründen. Die KVB sind jedoch nur ein Symptom von vielen. Köln hat ein tiefer liegendes Problem: Armut und Parallelkulturen, die nicht zueinander finden.

Zahlen bestätigen den Eindruck

In der Tat gehört Köln zu den ärmsten Städten Deutschlands. Laut einer Studie des parsäitischen Wohlstandverbandes galten 2013 bereits 21,5 % der Einwohner als arm. 2006 waren es 16,1%. Jetzt sind es laut des IW Köln 26 %. Damit ist Köln aktuell unrühmlicher Spitzenreiter.

Ob Infrastruktur, Sozial- oder Gesundheitssystem – Länder und Bund sparen uns zu Tode. Das Geld ist prinzipiell da, wird jedoch nur dort investiert, wo die Lobby am lautesten schreit. Ergo in die Großwirtschaft. Der Rest von uns blickt der schwarzen Null in die Augen: Das eindringliche Symbol eines Zusammenschlusses aus Politik- und Interessengruppen. Es steht laut Wolfgang Schäuble für den Erfolg seiner Arbeit.

Geschlossene Budget-Silos

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt stand 2016 ein Budget von 13 Milliarden zur Verfügung. Das höchste, über das in diesem Amt je verfügt werden konnte. Nur 2,1 Milliarden flossen in den Ausbau und der Instandhaltung der Infrastruktur. Wo ist der Rest hin? Laut Dobrindt gäbe es von den Ländern keine entsprechenden Anfragen und Projekte. Dass NRW ein maroder Schandfleck ist, tut da scheinbar wenig zur Sache. „Zustände wie in einem Entwicklungsland“ attestiert das Schweizer Tagesblatt Neue Züricher Zeitung unserem Bundesland.

Dieser Ausflug in die Welt der Statistik und Wirtschaft liegt nicht in meinem Naturell. Aber er liefert eine plausible Erklärung ab. Die geplante Privatisierung der Autobahnen und Landstraßen wundert mich nicht. Scheinbar hält sich ohne Wettbewerb (oder Aussicht auf Wegzoll) niemand für zuständig Missstände zu beseitigen. Bürokratie scheint eine schnelle und flexible Verteilung von Budgets zu verhindern.

Worum es jedoch wirklich geht

Man kann sich in der Theorie wunderbar suhlen und vergessen worum es wirklich geht. Das habe ich den ca. 30 Minuten gemerkt, die es mich gekostet hat Zahlen für diesen Eintrag zu recherchieren und zu verwerten. Wie geht es da erst dem professionellem Zahlenschieber, der die Bodenhaftung längst verloren hat?

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Blumen und Kerzen für die ermordete Wiebke O. in Köln-Nippes (Mai 2016)

Hat er den Kinderwagen in Gleisbett auch gesehen? Die Kerzen und Mitleidsbekundungen nach einem Mord in der Nachbarschaft? Die Blicke der zahlreichen Gestalten, denen man den nächsten Mord zutrauen würde? Die täglichen Massenversammlungen besoffener, weggeworfener Existenzen? Den Dreck und die Baufälligkeit an jeder zweiten Straßenecke? Die leerstehenden Ladengeschäfte, die allenfalls von Dönerbuden und Kiosken ersetzt werden oder Obdachlosen als Unterschlupf dienen?

Soziale Gerechtigkeit wiederherstellen

Ich sehne mich nach reiner Luft. Danach, dass wir uns Professionalität leisten können – in der eigenen Existenz und der Inanspruchnahme von Leistungen. Dass wir uns grundsätzlich gegenseitig und selbst etwas wert sind. Nach stabilen und gewissenhaften Institutionen. Nach einem Gesundheitssystem das sich jeder leisten kann und kranke Menschen zeitnah auffängt. Nach positiven Werten und einem Umfeld, das diese unterstützt und fördert.

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Pixabay

Wenn sich rausgefressene Gebilde wie Automobil,- Rüstungs- & Pharmakonzerne bis zum Kapital-Diabetes vollschaufeln wollen, sollen sie es tun. Die Politik hat jedoch die Aufgabe zu steuern und zu regulieren, dass Volk, Infrastruktur, Bildungseinrichtungen, kulturelle Institutionen, sowie Sozial- & Gesundheitswesen ein angemessenes Stück vom Kuchen abbekommen. Deshalb müssen Politik und Wirtschaft voneinander entzerrt werden.

Empfohlene Maßnahmen: Links wählen, Abgeordnetenwatch unterstützen, Grundeinkommen einfordern, ehrenamtlicher Einsatz, selbstverantwortlicher werden und Abhängigkeiten reduzieren (Ernährung, Konsum, untragbare Arbeitsverhältnisse etc.). Für einen starken Staat, freie Menschen und den Sturz volksenteignender Machtapparate.