#RetroMontag Anekdote: Der Taperecorder

1077040_10200103270600665_865901489_o.jpgEs muss sprichwörtlich gebrannt haben in der Saarbrückener Legacy-Reaktion. Die Titelstory stand, aber kein Redakteur hatte Zeit nach Köln zu fahren und das Interview mit den damaligen Senkrechtstartern von GRAND MAGUS zu führen.

Ich habe keine Ahnung wie ausgiebig der Chefredakteur Björn-Thorsten bei der Vorstellung geseufzt hat, einen der unerfahrenen freien Schreiberlinge auf das Thema anzusetzen. Ich weiß nur noch, dass ich den Auftrag in ängstlicher Euphorie annahm. Er wusste nicht, dass mein erstes und letztes Face-to-face Interview zu diesem Zeitpunkt neun Jahre zurücklag und noch dazu mit einer befreundeten Münchner Band geführt wurde.

Ich hatte auch gar kein passendes Aufnahmegerät. Eine professionelle Lösung musste her also, die mich journalistischer wirken lassen würde. Es war 2010 und ich wählte einen Taperecorder.

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Journalistisches Profi-Tool!

Da stand ich nun am Tag X, wurde in einen Raum Bier trinkender und rülpsender Schweden gesetzt, packte das antike Ding aus und legte es zwischen uns auf den Tisch. Der glatzköpfige Frontman Janne schmunzelte und sagte er habe sowas schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Autsch!

Nachdem ich genug von meinem Gestammel, seiner Ausführungen und Rülpser gesammelt hatte, fuhr ich nach Hause und schrieb meine Titelstory. Und wie wir Schreiberlinge so sind, begann sich erst ab dem Moment, an dem ich durchatmen konnte alles zu fügen. Ich lieferte einen amtlichen Mehrseiter ab, behielt meinen Taperecorder und setzte ihn mit stolzer Brust noch ein par weitere Male ein. Er wurde quasi mein verschrobenes Trademark-Gadget.

Heute hält das Smartphone her. Funktioniert auch, ist vor allem praktischer, aber die Magie ist weg.

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Dead End Road (Impro)

„nowhere to go from here
I feel like cryin‘, but there are no tears…“

Recorded 2011, Remastered 2018

Mein Musikjahr 2017

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An das Jahr 2017 werde ich mich vor allem wegen der Live-Events zurückerinnern. Ich war u.a. in Hamburg, Köln, München und Amsterdam unterwegs, darunter auf der Guns ‚N‘ Roses Reunion-Tour (mit netter Anekdote*). Die Veröffentlichungen blieben hingegen hinter den Erwartungen zurück. Auf dem Papier waren durchaus interessante Releases angekündigt, einige davon verschoben sich jedoch aufs Folgejahr, andere konnten mich nicht wie erhofft abholen.

Alben spielten für mich insgesamt noch weniger eine Rolle, als bereits in den Vorjahren. Einzelne Songs gewinnen bei meinen Hörgewohnheiten an Bedeutung.

Abseits meiner Top-Tracks auf Spotify war ich vor allem mit eigenen Projekten beschäftigt. So veröffentlichte ich im Frühjahr den zweiten MIRRORED IN SECRECY Longplayer „Solitution“, mischte andere Bands ab und hörte mich durch Bewerbungen für das Cologne Metal Festival V.

Hier sind meine Tops & Flops des Jahres:

NEWCOMER 2017

Neben der Musik gibt es für mich kaum etwas unterhaltsames als gute Wrestling-Shows. Ein Glück, dass beides mittlerweile auf hohem Niveau zusammengefunden hat. Wrestler gehören heutzutage zu den besten Athleten der Unterhaltungsbranche und die musikalische Untermalung hat man in der WWE dem zweiköpfigen Produzenten-Team CFO$ überlassen, die den Charakteren die passenden Songs auf den Leib schneidern.

Sowohl CFO$ selbst, als auch der niederländische Wrestler Aleister Black, waren in beiden Welten meine Newcomer des Jahres. Der düstere Metalcore-Track „Root Of All Evil“ lebt von einer markanten Hookline und einer bedrohlichen Stimmung, die wie Blacks Faust auf das Auge seines Kontrahenten passt.

SONGS 2017

1. A Perfect Circle – The Doomed

Lange war es still um Oberschnösel Maynard James Keenan und seinen beiden Bands. Während alle Welt ein neues TOOL Album erwartet, kam stattdessen ein unerwartetes A PERFECT CIRCLE Lebenszeichen um die Ecke – und was für eines. Mit „The Doomed“ ist es den Progressive Rock Allstars gelungen die Post Rock Formel in ein Hit-Format zu übertragen und dabei gleichzeitig eine Message zu transportieren, die mitten ins Herz trifft.

What of the pious, the pure of heart, the peaceful?
What of the meek, the mourning, and the merciful?
All doomed
All doomed

2. In This Moment – Roots

Sexy, verrucht, zerbrechlich – keine Sängerin mimt die White Trash Barbie so treffsicher wie Maria Brink. IN THIS MOMENT haben mit dem Album „Ritual“ erneut ins Schwarze getroffen. Trotz Gastsänger- und Cover-Overkill wohlgemerkt. Interessanterweise sticht vor allem ein Song heraus, der ohne Zuhilfenahme von Gästen entstand. „Roots“ ist ein energiegeladener, trotziger und super-griffiger Brecher für die Metal- und Alternative-Tanzflächen dieser Welt. Bleibt zu hoffen, dass die Truppe bald wieder an Selbstvertrauen gewinnt. Die Tour-Absage, die schwächelnde visuelle Umsetzung des Videos und die Gastbeiträge zeichnen das Bild einer Band, die derzeit mit sich zu kämpfen hat. Selbst in so einer Phase sind IN THIS MOMENT jedoch ein unverzichtbarer und einzigartiger Teil der Rock- & Metalszene.

3. Casper – Sirenen

Mit einem Jahr Verzögerung schaffte es das neue CASPER Album „Lang lebe der Tod“ endlich in die Läden. Der Titeltrack bombt immer noch alles weg, das nicht bei drei auf den Bäumen ist, wurde jedoch schon letztes Jahr veröffentlicht. Deshalb ist diesmal der zweitbeste Track des Albums in meiner Top 5 gelandet: „Sirenen“.

Der Künstler und sein Team haben ihren Riecher mal wieder am Puls der Zeit gehabt und mit diesem Song quasi die Vorab-Hymne zum G20-Desaster verfasst.

4. Anathema – The Optimist

Die britischen Melancholiker mögen einiges von ihrem früheren Biss eingebüßt und vielleicht nicht immer ganz ihrem Potential entsprochen haben. Dennoch gelingt es ANATHEMA immer wieder seelenstreichelnde Songs zu schreiben, die einen ganz weit weg tragen von allem was laut, chaotisch und überfordernd ist. „The Optimsit“ ist eine solche akustische Insel für audiophile Eskapisten.

5. Nigel Stanford – Automatica

Elektronische Musik ist normalerweise nicht ganz mein Beuteschema. In diesem Fall ist es allerdings das perfekte audiovisuelle Zusammenspiel aus Musik und Video. Der Song alleine funktioniert für mich nur halb so gut. Ein wirklich herausragendes, detailverliebtes Werk, das für mich mehr Kurzfilm als klassisches Musikvideo ist.

ALBEN 2017

1. In This Moment – Ritual

2. Casper – Lang lebe der Tod

3. Anathema – The Optimist

4. The Beauty Of Drowning – Sun

5. Life Of Agony – A Place Where There’s No More Pain

ENTTÄUSCHUNG 2017

Seit „Icon“ (1993) bin ich ein großer PARADISE LOST Fan. Die Musik der britischen Gothic Metal Legenden hat mein eigenes Schaffen maßgeblich geprägt. Keines ihrer Werke hat mich bislang jedoch so enttäuscht, wie das diesjährige „Medusa“. Die Doom Metal Gemeinde mag sich über weiteren Zuwachs gefreut und Fans der Frühphase nostalgische Empfindungen verspürt haben, aber „Medusa“ fehlt es an Feinschliff, Identität und Eigenanspruch. Zielgruppe analysiert, Zielgruppe bedient. Sieht nach Underground aus, ist aber nur mutloses Format.

KONZERT 2017

Es sind nicht immer die schönen Erinnerungen, die uns prägen. Mit dem Hamburger ANATHEMA Konzert verbinde ich eine leidvolle Erfahrung, die sich am Ende trotzdem gelohnt hat. Weil ich gelernt habe, bittersüße Empfindungen mitnahm und Veränderungen angestoßen wurden. In diesem Fall war das Konzert selbst nicht mehr als Hintergrundberieselung für den Film, der sich auf der Leinwand meines Lebens abspielte.

Setlist – Anathema. 01.11.2017 – Hamburg

Ehrenhalber sei hier auch das GUNS ‚N‘ ROSES Konzert in München erwähnt, das ich nach fast genau 25 Jahren endlich nachholen konnte. Zur damaligen Use Your Illusion Tour konnte ich nicht gehen, da sie mit einer Klassenfahrt nach Dänemark kollidierte. Das Cover von „Black Hole Sun“ als Hommage an den wenige Tage zuvor verstorbenen Chris Cornell war ein epischer Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Setlist – Guns ‚N‘ Roses, 13.06.2017 – München

Eine kleine *Anekdote gab es in Verbindung mit diesem Konzert auch noch. Schon auf der Hinfahrt im ICE von Köln nach München fiel mir auf, dass sich KAMELOT-Keyboarder Oliver Palotai in der Sitzreihe vor mir befand. Ich ließ den Mann in Ruhe, da er sich im Gespräch befand und schenkte ihm lediglich mein ausgelesenes Rock Hard Magazin, ohne zu verstehen zu geben, dass ich ihn erkannt hatte. Als er jedoch auf der Rückfahrt wieder in meinem Abteil saß, betrachtete ich es als Wink des Schicksals, sprach ihn an und zeigte im mein Cover von „Song For Jolee“ via Smartphone. Er bezeichnete es als eines der wenigen gelungenen Youtube-Cover des Songs und fand lobende Worte für meine Interpretation:

EIGENE MUSIK 2017

Apropos eigene Musik – dieses Jahr tanzte ich auf drei musikalischen Hochzeiten. Neben dem Release von „Solitution“ (Album auf Bandcamp) nahm ich eine Demo für ein neues Projekt auf und arbeite gerade mit zwei befreundeten Musikern an dessen Live-Umsetzung. Außerdem habe ich mit meiner guten Freundin und MIRRORED IN SECRECY Ex-Sängerin Julia an verschiedenen Songs gearbeitet, die wir 2018 als Duo in einem Nebenprojekt veröffentlichen werden.

Mirrored In Secrecy – Megrim (Album Track)

„Solitution“ ist auch in folgenden Stores erhältlich:

iTunes
JUKE!
Amazon

DEINE FAVORITEN

Was passierte in deinem Musikjahr 2017? Lass es mich im Kommentarfeld wissen 🙂

Der schmale Grat: Produktivität mit ADHS

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Meine Devise ist „learning by doing“. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich ohne großen Theorie-Ballast ins kalte Wasser springe und mich ausprobiere. Gelernt habe ich dabei viel, Projekte erfolgreich ins Ziel geführt vergleichsweise selten. Das kompensiere ich mit der Frequenz, in der ich neue Projekte starte. Hier und da gelingt dann auch mal ein Volltreffer, wie die Umsetzung eines eigenen Festivals, eine Buchveröffentlichung und andere abenteuerliche Dinge, die mich begeistern, aber nur allzu selten finanzieren.

Ich kann noch so oft von meinem Netzwerk und diverser Fachliteratur darin bestärkt werden, dass mein irrational sprunghaftes Verhalten meiner Hirnchemie geschuldet ist. Der einzige, der sich weigert mich von Schuld freizusprechen, bin ich selbst. Mein Anspruch dem allgegenwertigen Idealbild des „normal funktionierenden“ Menschens zu genügen, ist natürlich auch äußeren Zwängen geschuldet, aber das Leben macht man sich mit Selbstvorwürfen garantiert nicht leichter.

Leerlauf in Überschallgeschwindigkeit

Von meinem Antrieb könnten viele Menschen grundsätzlich eigentlich nur träumen. Vor allem in jüngeren Jahren war ich eine Ideen-Maschine und permanent im Lernmodus. Ich habe zwei Ausbildungen abgeschlossen, einige weitere angefangen und mich autodidaktisch fachfremd weitergebildet. Ich bin Medienkaufmann, Audio Engineer, Musiker, Autor, Eventmanager, PR- & Social Media Manager uvm. – und das sind nur Berufsfelder in denen ich tatsächlich ausgebildet bin oder gearbeitet habe. Darüber hinaus habe ich mich mit Medienpädagogik beschäftigt, mit Online-Marketing, war 2014 / 2015 kurz davor mit einem eigenen Shop für Indie-Literatur durchzustarten und kenne mich notgedrungen hervorragend mit den Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche aus, was mich in meinem privaten Umfeld zu einem beliebten Ansprechpartner macht.

Trotzdem antworte ich auf die Frage, was ich derzeit gerade mache häufig mit „nichts“ oder „das übliche“. Denn in der Tat ist mein Multitalent in der Praxis kaum zu gebrauchen. Erstens weil der Markt in der Regel den schmalbandig ausgebildeten Spezialisten benötigt, zweitens weil meine Hirnbotenstoffe etwas gegen Kontinuität haben. So lange ich zu unterschiedlichen Zeiten an mehreren Projekten werkeln und frei gestalten kann, sprudelt das Dopamin von selbst. Kann ich mir monetär betrachtet aber nicht leisten, weshalb die Dienstleistung ein weiterer wichtiger Baustein meiner Existenz ist. Umso fremdbestimmter und fachfremder die Aufgabe, desto mehr machen sich Prokrastination, Ermüdung und Anspannung breit. Mein sonst so frei sprudelndes Gehirn muss fokussiert und zielgerichtet Aufgaben nach externen Vorgaben umsetzen. Es wehrt sich gegen diese Einengung und verlangt nach Ablenkung – eine ungesunde Abwärtsspirale aus grundsätzlichem Willen zur Produktivität, aber mangelnder Umsetzungsfähigkeit nimmt ihren Lauf.

Allheilmittel Ritalin?

Zum Glück gibts da auch was von Ratiopharm. Oder korrekterweise – von der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG. Das Produkt nennt sich Medikinet Adult und ist die einzig zugelassene Variante von Ritalin für ADHS im Erwachsenenalter.

Und ja – das Zeug hilft wirklich. Für den Zeitraum von vier bis sechs Stunden gleichen sich Motivation und Fokus dem Niveau natürlich funktionierender Menschen an. Eine Arbeitsmaschine wird man damit nicht automatisch, aber man kann sich mit weitaus weniger Einsatz von Disziplin dazu bringen, unliebsame Aufgaben anzugehen und angefallenes Chaos zu entwirren.

Leider geht der Prozess nicht ganz nebenwirkungsfrei vonstatten. Das gefürchtetste Phänomen ist der Rebound – ein spürbares Abklingen der Wirkung, einhergehend mit Verstimmtheit, bis hin zu ängstlich-depressiver Unruhe. Zwar reduziert sich dieser Effekt bei regelmäßiger Einnahme, allerdings auch die Wirkung. Dosiert man irgendwann hoch, ist der Rebound proportional zur Wirkung wieder da.

Aus diesem Grund nutze ich Medikinet Adult eher als Bedarfsmedikation in niedriger Dosis. Zumal es in vielen Momenten unpassend ist. So verstärkt es bspw. Adrenalin-geladene Situationen wie Sport oder Gesang, so dass große Nervosität entsteht. Im Extremfall Panik. Ich betrachte das Medikament als einen Booster, um zähe Routinearbeit am Schreibtisch durchzuboxen. In dem Kontext ist es unschlagbar und der Rebound wird von dem entspannten Gefühl endlich wieder etwas geschafft zu haben abgefedert.

Kleine Komfortzone und unerträgliche Passivität

Sowohl mit, als auch ohne Medikation, ist ADHS mit erheblichen Stimmungsschwankungen verbunden. Schnell schlägt es nach oben in Richtung Stress, oder nach unten in Richtung depressive Verstimmung aus. Der Wohlfühlbereich in der Mitte ist schmal. Passive Unterhaltung, wie Filme oder Serien, kann kaum genossen werden. Schnell macht sich Unruhe breit und das Gefühl sich bewegen oder etwas erledigen zu müssen. Wenn ein Buch in die Hand genommen wird, dann kein Roman, sondern Fachliteratur. Man könnte ja was verpassen. Und wenn das alles gerade zu stressig ist, dann wird multitaskend prokrastiniert. Auf dem Rechner sind mindestens ein Fenster Facebook und ein Fenster Youtube geöffnet. Auf dem Schreibtisch liegt das Smartphone. Ablenkung ist alles. Videospiele gehen gerade noch so ohne parallele Nebenbeschäftigung. Wenn es einfach genug ist um schnell Belohnungen auszuschütten, aber gerade noch so fordernd, dass man das Gefühl hat die Erfolge verdient zu haben. Mit zunehmendem Alter schlafe ich beim zocken allerdings auch gerne schon mal ein.

Geheimtipp für Betroffene: ASMR

Da wir ADHSler ständig unter Strom stehen – unabhängig wie erfolgreich wir dabei sind – sehnen wir uns dementsprechend oft nach wirklicher, tief empfundener Ruhe. Viele finden diese im Sport, anderen helfen progressive Muskelentspannung, Yoga oder Meditation.

Ich persönlich kann nichts aus den herkömmlichen Methoden ziehen. Sport ist ein Stressor, den ich allenfalls zur Gewichtsreduktion in Kauf nehme und bei Meditation krieg ich zuviel.

Was mir jedoch hilft meditative Sphären zu erreichen, sind binaurale Klänge, erzeugt von ASMR-Artists auf Youtube. ADHS verlangt nach permanenter Stimulation, statt nach Ruhe. Die dreidimensionalen Geräusche, die mittels Fingertippen auf Holz rund um den Kopf herum erzeugt werden und zahlreiche andere akustische Sensationen, lösen bei mir ein tiefes Gefühl von Entspannung aus. Es hilft Abstand von mir selbst zu gewinnen und mit dem Moment zu verschmelzen. Ich sehe es als eine Art „Meditation mit Krücke“ und ich bin froh etwas gefunden zu haben, das es mir erlaubt diesen heilsamen Zustand ebenfalls zu erfahren.

Eure Erfahrungen?

Wie ist es bei euch? Habt ihr selbst oder in der Familie Erfahrungen mit ADHS? Ist das Thema neu für euch und habt ihr Fragen? Ich freue mich über Austausch zum Thema!

Cäcilia

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Patronin der Orgelbauer, Instrumentenmacher, Sänger, Musiker und Dichter; bekannt durch die Verehrung der hl. Cäcilie (3. Jh.)

Es muss um 1925 herum gewesen sein, als ihr Vater sie in einen Sack steckte und in einem Brunnen zu ertränken versuchte. Wären couragierte Nachbarn der kleinen Cäcilia nicht zu Hilfe gekommen, diese Zeilen hier hätten nicht geschrieben werden können.

Viele ihrer Geschichten waren für mich wie schauderhafte Märchen. Ein Kinderkopf kann sich vieles vorstellen, aber Fiktion und echte Begebenheiten scheinen gleichermaßen weit entfernt zu sein. Wenige Wochen nach ihrem 18. Geburtstag wurde Cäcilia entfernte Zeitzeugin der „Reichskristallnacht“ – deutschlandweit wurden Synagogen vernichtet, hunderte von Menschen mit jüdischem Glauben ermordet und um die 30.000 Personen inhaftiert. Hass und Diskriminierung gipfelten endgültig in Verfolgung und Vernichtung. Wieviel sie davon unmittelbar mitbekam weiß ich nicht. Einige ihrer Schilderungen aus dem zweiten Weltkrieg sind mir nur noch nebulös in Erinnerung und viele davon waren eng mit ihrer Biografie verknüpft.

Cäcilia war eine Überlebenskünstlerin. Einer ihrer Leitsprüche lautete „Blöd darfst du sein, aber zu helfen musst du dir wissen“. Ihre Arbeit als Putzkraft in einem Münchener Krankenhaus versprach ihr eine gewisse Sicherheit vor den insgesamt 74 Luftangriffen innerhalb der Kriegszeit, die Tausenden von Menschen das Leben kosteten. Medizinische Einrichtungen waren kein Ziel der Bombadierungen, wohl aber Schauplatz der von ihnen verursachten Tragödien. Ob es diese waren, die Kindheitserlebnisse, spätere Ereignisse oder ihre Genetik ist mir nicht bekannt – jedoch, dass sie im Laufe der Jahre eine Psychose mit religiösem Wahn entwickelte, welche zwei Suizidversuche zur Folge hatten. Beide Male sprang sie aus dem vierten Stock des Krankenhauses und überlebte.

Zweimal war die gebürtige Deggendorferin verheiratet. Einer davon war mein Großvater. Weder ich, noch meine Mutter, bekamen ihn je zu Gesicht. Kurz nach ihrer Geburt, 1954, verstarb er eben so jung wie Cäcilias erster Mann. Zum Glück liebte sie noch andere Männer und die Männer sie. Sehr gerne erinnerte sie sich an einen amerikanischen Soldaten, der für sie sang:

„You are my sunshine, my only sunshine. You make me happy when skies are gray…“

Für mich hieß Cäcilia einfach Oma. All diese Geschichten lagen hinter ihr, als ich 1978 in München zur Welt kam. Die ehemals schlanke, blonde Frau hatte sich ein zunehmend wachsendes Wohlstandsbäuchlein angefuttert und krause weiße Haare. Eine Oma eben. Die Ausläufer ihrer Traumata erlebte ich in vergleichsweise moderater Weise. Wenn sie merkwürdig lang in den Rosenkranz hineinnuschelte, oder besorgt – manchmal weinend – aus dem Fenster guckte, sobald ein Familienmitglied später als angekündigt nach Hause kam. Obwohl sie eine aufgeweckte und laute, kleine Person war, die keine Berührungsängste im Umgang mit anderen Menschen hatte, war sie ihrer Umgebung misstraurisch gesonnen. Vor allem der ortsnahen Kirche und dem Pfarrer gegenüber. Manchmal redete sie sich und uns ein er habe vor ihr etwas anzutun. Heute weiß ich, dass man diese Gedanken „Verfolgungswahn“ nennt. Ich glaube ich habe sie in meiner Erinnerung als „Tabletten vergessen“ abgespeichert.

Cäcilia war in meiner Wahrnehmung eine Art zweite Mutter. Ich war ihr eine Herzensangelegenheit. Eine Person, an der sie vieles besser machen konnte, als sie es selbst erfahren hatte und eine Möglichkeit Versäumnisse zu kompensieren.

Meine Mutter heiratete zwischenzeitlich neu und ich zog als junger Erwachsener ans andere Ende der Stadt. Es mag der Lauf der Dinge sein, aber Cäcilia hat es nicht gut getan sich um niemanden mehr kümmern zu können. Sie lernte einen an Alzheimer erkrankten Mann aus ihrer Nachbarschaft kennen, der ihr im Alltag half und dem sie gleichzeitig eine vertraute Anlaufstelle war. Eine Zweckgemeinschaft, die es ihr ermöglichte bis zuletzt in der eigenen Wohnung zu leben.

Ich besuchte sie unregelmäßig und rief auch mal an, wenn ich einen Ratschlag benötigte. Sie war beileibe nicht die gebildetste Person, manchmal etwas raubeinig und in ihrer Sichtweise verschroben – menschlich war sie jedoch ein Anker in meinem Leben und hatte immer ein offenes Ohr für mich. Was ihr an Intellekt fehlte, glich sie mit Erfahrung und Herzenswärme aus.

Noch heute besucht sie mich von Zeit zu Zeit in meinen Träumen und berät mich, wenn die Gedanken wirr und die Gefühle unklar sind. Zuletzt hat sie sich seltener blicken lassen. Ich hoffe, dass dies ein Zeichen eigener Reife ist. Denn diese fehlte mir, als sie im Januar 2004 verstarb. Im Nebel der Ängste, die das Erwachsenwerden mit sich brachte, versäumte ich es sie angemessen dorthin zu begleiten, wo sie nach dem Hier so gerne sein wollte und hoffentlich gut angekommen ist.

Das Glücksdetektiv-Manifest: Eine Dosis Ich-Stärkung

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Schon lange kein Geheimtipp mehr und mittlerweile auf eine jüngere Zielgruppe fokussiert, aber dennoch charmant und empfehlenswert – Katharina Tempels Projekt: Glücksdetektiv.

Gerade in der Anfangszeit ihres Kanals konnte ich dort gute Anregungen erhalten und teils auch weitergeben. Mittlerweile hat Katharina ihre Doktorarbeit geschrieben und wird auch in manchen Schulen als Referenz-Material zum Thema Achtsamkeit, Glück und Gesundheit verwendet.

Kürzlich hat die umtriebige Solopreneurin abermals ihr „Manifest“ auf Twitter hochgeladen. Im Fachjargon würde man es schlicht Infografik nennen, aber ich finde die Zusammenstellung dieser eigentlich einfachen, aber dennoch wichtigen Grundaussagen so zutreffend, dass ich es an dieser Stelle gerne mit einem Dank an die Erstellerin weitergeben möchte:

Staunen ist nicht regressiv: Kommentar zum Zeit-Artikel „Wo ist das Kind, das ich war?“

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Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des Philosophie-Magazins, hat sich in einem aktuellen Artikel Gedanken über die nostalgische Verklärung des Kindes gemacht. Während einige Aspekte interessant und aus meiner Sicht zutreffend waren, habe ich mich ein wenig daran gestoßen, dass die Bewahrung des inneren Erlebnisreichtums im Grundtenor seiner Aussage als regressives Verhalten interpretiert wird.

Gerade als Philosoph sollte man Neugier ebenso zulassen können, wie analytisches Denken. Sicherlich fliegt uns das Staunen als Erwachsener nicht mehr so zu, wie es als Kind einmal der Fall waren. Nicht umsonst ist Achtsamkeit ein so populäres Thema geworden. Noch viel bedeutsamer für unser Zusammenleben ist jedoch die sozial forcierte Rationalisierung und die gesellschaftliche Abwertung jeglicher kindlicher Eigenschaften bei Erwachsenenen. Gerade in Deutschland wird ein rationales, effizientes Verhalten als Norm betrachtet. Verstärkt durch die schnellere Taktung der Arbeitswelt entsteht so eine breitflächige Unterdrückung von Eigenschaften, die kindlichem Verhalten zugeschrieben werden. Dabei wird oft vergessen, dass sich manche Menschen bspw. bewusst dazu entschieden haben Naivität zuzulassen. Wie kann ein selbst gesteuertes Verhalten regressiv sein? Als Künstler brauche ich ein offenes Herz und einen ungetrübten Blick fürs Detail. Es zeugt m.E. von Reife sich diese Eigenschaften für das größere Ganze zu bewahren und Verletzlichkeit bewusst in Kauf zu nehmen.

Eilenberger würdigt die Aufrechterhaltung von Neugier und Offenheit als Grundvoraussetzung für ein erfülltes Leben durchaus:

„Ein Gutteil der religiösen Weisheitslehren wie auch des vormodernen Philosophierens zielt deshalb darauf, diese urkindliche Freude am schlichten Sein im Geiste des Erwachsenen wachzuhalten.“

Allerdings unterstellt er unserer Generation ebenso ein „regressives Bedürfnis nach Urgeborgenheit und Verzauberung“. Es ist richtig, dass die Leitwerte unserer Gesellschaft Urbedürfnisse und Teilaspekte menschlicher Enfaltung unterdrücken und sich diese vermehrt in der Ratgeber-Literatur und allerlei Kompensationsabsurditäten wiederfinden. Es ist lediglich der Subtext, der mich dabei stört. Es schwingt ein Vorwurf des pathologischen mit, wenn er der Verklärung zynisch entgegnet, das Kindsein sei vielmehr geprägt von „der machtlosen Geworfenheit und angstbelegten Orientierungsarmut“. Wenn er den kleinen Menschen auf Unvermögen reduziert („Wesentliches nicht verstehen. Wesentliches nicht vermögen“). In diesen Momenten offenbart der Autor die Haltung, dass kindlich belegte Eigenschaften überwunden werden sollten. Doch zu welchem Zweck? Pathologisch relevant wird regressives Verhalten, Fühlen und Denken doch vor allem dann, wenn es wegen o.g. (vor allem der Produktivität zuträglichen) Leitbilder nicht auf natürliche und selbstverständliche Art und Weise seinen Platz in der Gesamtentwicklung eines erwachsenen Menschen findet.

Spoken Word: Augenwischerei


„Tausend Mal bei Tinder gewischt. Alle nach links. Tausende Male erinnere ich mich, was du für mich bist.“

November 2017

P.S.: Schönen Gruß an mein erstes und sehr angenehmes Tinder-Date S. an dieser Stelle, die mich just an dem Tag matchte, als ich diesen Beitrag veröffentlichte 😉

Getting shit done: Why English is so engaging

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It’s amazing how the use of different languages can change your mindset. Most German people don’t even like anglicisms, but I love how simple and engaging the English language is.

As a non-native speaker I don’t have the vocabulary to overthink things, so switching to a foreign language is a great way getting your head straight.

Another advantage is the lack of association I have with certain terms. I’m sure we all have those trigger-words in our own language, which bring up some underlying memories. Maybe things your father always said or local platitudes. When I switch to English-mode, all of this stuff disappears. It makes me more neutral, more rational.

Of course there’s a downside to it: Expressing emotions is harder and you’re more likely playing a role. When I was younger I loved catchphrases or certain words because they sounded cool. Recently I went back to write and speak German poetry. I would never be able to get that deep to the core of what I want to express, if I wouldn’t do it in my mother tongue. It’s an extremly satisfying experience to play with all those layers and ambiguities, while staying real and not pretending or hiding anything.

That said, I’ll probably stick to English as a songwriter for various reasons, while trying to be more aware of the risk of being unauthentic. But for now I’m going back to getting my shit done, no matter how I feel. Keeping my goals in mind. Thinking long-term and don’t procrastinate!