Friedhöfe

Friedhöfe sind lebendige Orte. Viel lebendiger, als man es an einem Ort der ewig Ruhenden erwarten würde. 

Kein Märchen und keine Legende kann je so beeindruckend sein, wie die Geschichten auf den Gräbern. Geschichten, die sich puzzlehaft zusammensetzen aus Gestaltung der Grabesstätte, deren Pflege, Aufschriften, Grabgeschenken, eingravierten Symbolen, Altersspanne und manchmal sogar Fotos. 

Es ist ein Ort der Liebe. Wir achten die Toten manchmal mehr, als die Lebendigen. 

An hellen Tagen zwitschern Vögel im Geäst und die Sonne erhellt die Szenerie, als wolle sie alle Restbedrücktheit durch die drohende Endlichkeit tröstend relativieren und sagen: 

„Sieh her, das Individuum mag nicht mehr sein, aber das große Ganze ist unverwüstlich.“ 

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The Mystery Blogger Award

mystery-blogger-award-logo

Julia vom empfehlenswerten Glück- & Achtsamkeits-fokussierten Blog Freudenwege hat mich für den Mystery Blogger Award nominiert. Danke dafür!

Eine nette Geste, aber vor allem ist das eine wunderbare Gelegenheit miteinander in Kontakt zu kommen und mehr voneinander zu erfahren, die ich gerne nutze.

About The Mystery Blogger Award

This is an award for amazing bloggers with ingenious posts. Their blog not only captivates, it inspires and motivates. They are one of the best out there, and they deserve every recognition they get. This award is also for bloggers who find fun and inspiration in blogging and they do it with so much love and passion.

Okoto Enigma is the creator of the award. To motivate the Blogger please do visit her blog.

The Rules of the Award

  • Put the award logo/image on your blog. Stelle das Logo in dein Blog.

  • List the rules. Liste die Regeln auf.

  • Thank whoever nominated you and provide a link to their blog. Danke der Person, die dich nominiert hat, und füge einen Link zu ihrem Blog bei.

  • Mention the creator of the award and provide a link as well. Nenne die Urheberin des Awards und füge ebenfalls einen Link bei.

  • Tell your readers 3 things about yourself. Erzähle den Lesern drei Dinge über dich.

  • You have to nominate 10 – 20 people. Nominiere 10 bis 20 Personen.

  • Notify your nominees by commenting on their blog. Informiere die Nominierten, indem du in ihrem Blog kommentierst.

  • Ask your nominees any 5 questions of your choice; with one weird or funny question (specify) Stelle den Nominierten fünf Fragen deiner Wahl; eine davon sollte seltsam oder lustig sein.

  • Share a link to your best post(s). Teile einen Link zu deinen besten Posts.

Here we go: Drei Dinge über mich

  1. Ich liebe ASMR! Vermutlich weil ich ein Akustik-orientierter-Mensch bin. Binaurale Ohrmassagen und dergleichen sind für mich äquivalent zu dem, was Meditation für viele andere Menschen ist.
  2. Meine beste und gleichzeitig schlechteste Eigenschaft ist es mit Begeisterung neue Projekte zu starten und erst on-the-fly zu lernen, was ich da eigentlich tue.
  3. Ich habe vor einigen Jahren in der gleichen Band gesungen, wie die Person, die mich hier nominiert hat 😉

Fünf Fragen von Freudenwege und meine Antworten

  1. An welchem Ort fühlst du dich am sichersten?
    Ich fürchte die Antwort fällt unspektakulär aus: Aber mein Bett ist schon ein ziemlich sicherer Ort, den ich ungern gegen irgendeine Höhle oder Insel eintauschen würde.
  2. Was möchtest du in diesem Leben auf jeden Fall noch erreichen?
    Ich würde mir gerne noch ein Tattoo stechen lassen, bevor es mir als Ausdruck einer beginnenden Midlife-Crisis angedichtet wird 😉
  3. Welche Geräusche kannst du nicht ausstehen?
    Schleifpapier auf Holz – brrrr!
  4. Welcher ist dein liebster Geruch?
    Haare 🙂
  5. Was liegt auf deinem Nachttisch?
    Das Buch „Im schwarzen Loch ist der Teufel los“ von Ulrich Walter, eine PSP, eine Lampe, das Beat Magazin und … ein Holzlineal (?).

Meine Fragen an die Nominierten:

  1. Über welches Thema wolltest du schon lange bloggen, hast es aber noch nicht umgesetzt?
  2. Welche Erfahrung hat dich oder deine Denkweise geprägt und verändert?
  3. Ernährst du dich nach einem bestimmten Modell und wenn ja – warum?
  4. Was bedeutet Musik für dich?
  5. Welches Wort hast du als Kind immer falsch ausgesprochen?

Es folgen meine nominierten Blogs (10 bekomme ich aber nicht zusammen – sorry):

Victory Victoria
Brombeerhecke
Katzenflüstern
Paleica

Meine beliebtesten Posts anhand Views / Kommentare:

Falkenflug: Blogparade #ZukunftsVision2036
Antisemitismus

Ich bin gespannt, ob meine Kandidaten teilnehmen und was sie zu erzählen haben. Gerne dürft ihr euch auch ein wenig bei mir umsehen und kommentieren. Viel Spaß!

 

G20: The show must go wrong

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Bild-Quelle: Ocin-R

G20: The show must go wrong

Letzte Woche wurde ganz Hamburg Zeuge eines einmaligen Marionettentanzes. Autonome haben erwartungsgemäß fremde Autos angezündet, die Polizei agierte gemäß einer vorgegebenen Null-Toleranz-Linie und die Puppenspieler inszenierten hinter dem Vorhang ihr eigenes Theater. Die Forderung der Öffentlichkeit? Mehr Sicherheit und Härte gegen Links.

Wie Soziologen und Politiker wissen, sind Massen, deren Verhalten und ihre Bedürfnisse selbstverständlich steuerbar. Da kann CDU-Babyface Peter Altmaier noch so treudoof in die öffentlich-rechtliche Kamera blicken und empörte Unwissenheit vorgaukeln. Seine anschließend unmittelbare Forderung die Rote Flora zu schließen, ist ein fast schon plakativer Einblick in die dahinter liegende Agenda und offenbart einen Einblick in den wohl getakteten Kanon. Diesen zu dekonstruieren lässt uns tiefer in die Materie blicken, als uns oberflächlich an der Gewaltfrage aufzureiben. Dann wollen wir doch mal!

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Regisseure & Akteure

Aus systemnaher Sicht hat Deutschland ein Mob-Problem. Darin sind sich dessen Vertreter und Sprachrohre weitestgehend einig. Rein hypothetisch gefragt: Warum also kurz vor der Bundestagswahl nicht eine Grande Finale inszenieren, bei dem es nochmal so richtig schön kracht? Möglicher Benefit: Pegida-Spaziergänger ideologisch zurück ins Mainstream-Boot holen, das Mob-Gebaren den Linken in die Schuhe schieben, mehr Law & Order etablieren. Die bevorstehenden Nebenwirkungen globaler Politik werden ja nicht weniger. Klingt nach einer typischen Win-Win-Lose Situation, die den westlichen Handelsstrategien auf Kosten von Armutsländern frappierend ähnelt.

Zeit sich deshalb ein wenig mehr mit den Organisatoren, Repräsentanten und Gegnern des G20 zu beschäftigen:

Die Ausrichter: Der Begriff G20 steht für die „Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer“. Der erste Gipfel dieser Art wurde 1997 von Bill Clinton im Zuge der Asienkrise ins Leben gerufen. Bis 2008 trafen sich in diesem Format Finanzminister und Vertreter der Notenbanken. Im Zuge der Finanzkrise wurde der Event zu einem Gipfeltreffen der Staatschefs abgeändert. Als hauptverantwortliche Ausrichter des Hamburger Gipfels gelten Angela Merkel und Olaf Scholz. Als TV-Moderatorin Anne Will den eingeladenen CDU-Repräsentanten Altmaier im Anschluss an den G20 nach Merkels Verantwortlichkeit befragte, kam es zu einer Sendestörung. Die Frage wurde nicht nochmal gestellt, als die Sendung wieder on-air war.

Der Ausrichtungsort: Die Bundeskanzlerin stellte bei ihrer Entscheidung die Weltoffenheit Hamburgs als symbolisches Merkmal heraus. Was sie wohlwissend verschwieg: Hamburg ist ebenso als widerstandsfreudige Stadt mit einer großen antikapitalistischen Szene bekannt. Nirgendwo anders (mit Ausnahme von Berlin) hätte man so einen effektvollen Showdown zwischen Exekutive und Demonstranten geboten bekommen. Die Messehallen grenzen direkt am Schanzenviertel. Vor der Haustüre der linken Szene Hamburgs. Die Ausrichtung widersprach dem Regelwerk des Gipfels (dem Summit policing), da dieses vorsieht das Treffen abseits dicht bewohnter Orte abzuhalten.

Die Scharfmacher: Die strategischen Kräfte der Polizei hatten angesichts der Aufgabe, die ihnen die Regierung aufbürdete, keine andere Wahl als ihren Job (über-)gründlich zu machen. Wo immer Sicherheit groß geschrieben wird, ist die Angst nicht weit. Sowohl in die Vorbereitungsphase, als auch bei der Durchführung, lautete das Motto deshalb „Flucht nach vorne“. Die Deeskalation wurde recht offensichtlich von der Checklist gestrichen. Stattdessen wurde bereits Monate zuvor ein gigantisches Gefangenenlager mit Containern für Schnellgerichte errichtet. Bezeichnenderweise in der „Schlachthofstr.“. Ein brandneuer Panzerwagen namens „Survivor“ wurde vorgestellt, der auch militärischen Anforderungen genügen solle. Und so verwundert es im Zuge dieser Aufrüstung auch nicht, dass es am 07. Juli 2017 kurz vor 20:00 Uhr eine Zweierreihe Polizisten war, die den frühen Startschuss zur Eskalation mit einem Angriff auf die Demonstranten abgegeben hatte. Auf der Gegenseite organisierte sich ein militanter Teil der Demonstranten unter dem Banner „Welcome To Hell“. Mit dem Slogan „Blockieren – Sabotieren – Demontieren“. Dialog und symbolischer Protest kam für diesen militanten Kern nicht in Frage. So kündigten die Organisatoren an: „Im Gegensatz zur bürgerlichen Opposition werden wir den Herrschenden keine Alternativen vorschlagen, um das kapitalistische System am Leben zu erhalten.“

Die G20-Gegner: Protest gab es jedoch von vielen Seiten. Neben der obligatorischen „bürgerlichen Opposition“ nahmen zahlreiche Verbände und Organisationen teil. Bereits am Sonntag, den 02. Juli mobilisierte die G20 Protestwelle (u.a. in Zusammenarbeit mit Greenpeace, Campact, DGB Nord, WWF uvm.) eine 25.000 Personen starke Demonstration unter dem Motto „Eine andere Politik ist nötig“. Gefordert wurden konkrete Schritte für einen gerechteren Welthandel, ein Vorankommen im Klimaschutz und eine Reduktion neoliberaler Interessen in der Politik. Am selben Abend begann sich die Stimmung bereits aufzuheizen, als amtsrichterlich genehmigte Demonstranten-Camps von der Polizei eigenhändig verhindert und geräumt wurden.

Die Darsteller: Abgeschirmt von den ihnen geltenden Plakaten, Rufen und jenseits der von ihrem Besuch ausgelösten Unruhen, spazierten am vergangenen Wochenende die Hauptdarsteller auf die Bühne. Im Auge des Orkans besprachen die 19 Staatschefs der reichsten Nationen, abseits der UN-Bühne, wie sie gedenken mit den wichtigsten Themen dieser Zeit umzugehen. Man könnte nun meinen ein etwa 130 Millionen teures und Auschreitungen provozierendes Treffen diene ausschließlich dem Wohl einer größeren Sache. Nicht so, wenn man einen Hardliner wie Herrn Erdogan mit an den Tisch bittet. Statt dem wenig begabten Mister Trump in 140 Zeichen die Vorteile des Klimaaustiegs für die Menschheit zu erklären, hat man es nun geschafft, den türkischen Alleinherrscher in spe auf die Idee zu bringen, der Klimaausstieg sei ein geeignetes Mittel zur Erpressung anderer Staaten. Während Globalisierungsgegner die Haltung vertreten der G20 sei eine Organisationsform, die sich auf Kosten von Armutsländern wirtschaftlich organisiert, proklamieren Vertreter und Organisatoren man behandle erfolgreich Krisenthemen rund um den Welthandel, Terrorismus und eben Klimaschutz. Angela Merkel stellte in ihrem Resümee vor allem heraus, welche Bedeutung der Freihandel ihrer Ansicht nach habe und irritierte mit einer optimistischen Prognose bzgl. eines angestrebten Beschäftigungsanstiegs.

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Wirtschaftsfaktor Krieg

Studien zum Thema Industrie 4.0 (Arbeit in einer digitalisierten Welt) schlagen hingegen andere Töne an. So prognostiziert die Universität Oxford (Frey , Carl; Osborne , Michael: The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?, Oxford 2013) dass alleine bis 2030 47% aller US-Arbeitsplätze gefährdet sind. Selbst wenn die Freihandelsverträge (welche u.a. auf der Ausbeutung armer Nationen basieren, verminderte Produktqualität zur Folge haben und Privatisierung von Allgemeingut, sowie juristische Immunität für Konzerne forcieren) die Beschäftigung und den Wohlstand kurzfristig ankurbeln können, so muss sich das derzeitige Wirtschaftssystem dennoch eingestehen, dass es ohne drastische Umverteilungsreformen bald nicht mehr tragbar sein wird und als Nebenprodukt weitere Krisenherde und Flüchtlinge produzieren wird. An ersteren verdienen wir, wenn wir amoralisch genug bleiben Krieg weiterhin zum Geschäft zu erklären. Zweitere müssen kostspielig integriert werden. Und da sprechen wir noch nicht einmal von den humanitären Katastrophen, die unsere Staatsvertreter durch ihr Handeln verursachen. Für dieses System, ihre Vertreter und ihre Symbole applaudiert eine oftmals einfach gestrickte und von unerträglichem Opportunismus geleitete Mehrheit unserer Zivilgesellschaft. Dabei scheint es für sie unerheblich zu sein, dass auch an ihrem Ast gesägt wird. Mit Gewinnern assoziiert man sich bekanntlich gerne, immer weniger werden jedoch die Gelegenheit bekommen sich dazuzuzählen. Dagegen wurde im Rahmen des G20 demonstriert und dafür haben viele Demokraten den Kopf hingehalten. Ohne Helm, ohne Schutzanzug und ohne Vermummung.

Forderungen & Ziele der Regierungsparteien

Wir wollen ja nicht vorschnell „Inside Job Light“ schreien, weshalb ein Abgleich von Wahlprogrammen, Globalstrategien und scheinbar impulsiv geäußerten Forderungen (vor allem aus dem CDU-Lager) im Anschluss an den G20 im Resümee angemessen erscheint. Es ist zwar alles andere als abwegig, dass Kriegsprofiteure auch ein paar Randale für den höheren Zweck zu nutzen imstande sind, aber die Blogger-Ehre gebietet dann doch eine gründlichere Recherche.

Sicherheit & Überwachung: Das Kernthema der CDU im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 ist Sicherheit. Das wurde bereits am 01. Mai klar im Rahmen einer Sitzung im Reichstagsgebäude kommuniziert. An sich für die Mehrheit der Bevölkerung ein kuscheliges Wohlfühlthema, überwacht werden will trotzdem keiner. Frau Merkel und Innenminister de Maizière sehen das mit der Überwachung anders. Möglichst flächendeckend in den Städten soll sie sein und zugriffsfreie Zonen im Netz mag der Staat auch nicht. Nun hat der Terror zumindest ja schon solide Vorarbeit geleistet die Bürger auf ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis zu konditionieren – nicht, dass man die Extremisten jetzt gebrauchen könnte, aber konservative Politik ohne Feindbild? An wem soll man denn verdienen, wenn niemand Mist baut? Am Ende sitzen alle untätig herum wie die freiwillige Feuerwehr, weil’s nirgendwo brennt. Auf jeden Fall stehen Themen wie internationaler Terror, Inlandskriminalität und Flüchtlingskrise im Fokus des Wahlkampfs. Ein anschauliches Beispiel aus der Praxis mag da hilfreich sein, die Agenda zu stützen. Und wenn niemand von selbst Stress macht, dann weiß man als Vordenker und Lenker der Massen ja zum Glück wo man ihn provozieren kann.

Konsequenzen: Die Eingangs erwähnte Forderung nach der Schließung der Roten Flora ist einer der vielen Sätze mit Ausrufezeichen, die nach den Bildern vom 07. und 08. Juli durch die Medienkanäle gejagt wurden. Interessanter für die Regierung und viel befriedigender, als selbst ausgesprochenes, ist jedoch der Widerhall der Worte, die man dem Volk fachmännisch in den Mund gelegt hat. Wenn die Springer- und Bertelsmann-Kanäle rot aufgeplusterte Backen vor abgebrannten Trümmern zeigen, Twitter im Hintergrund ohne Trumps Zutun eskaliert und der Couch-Mob in trauter Einigkeit mehr Sicherheit einfordert – ja dann ploppt in Berlin ein Korken Sekt an die Decke. Dass die Bild-Zeitung zum wiederholten Male Straftaten begeht und Pranger spielt, interessiert im allgemeinen Hetzer-Rausch des Volkszorns kein Schwein mehr. Gerne addiert man auf offizieller Seite dem Empörungschor noch ein paar wegweisende Stimmen hinzu:

„Wir haben am Wochenende gesehen, wie wichtig das Thema innere Sicherheit ist …“ (Angela Merkel, CDU)

„Wir haben im Extremistenbereich keine ausreichende Datengrundlage in Europa.“ (Heiko Maas, SPD)

„Das Format G20 hat sich in Hamburg bewährt.“ (Steffen Seibert, Regierungssprecher)

Sollte man am Ende dennoch Zweifel an der Mutwilligkeit unserer Staatsvertreter haben, so kann man sich angesichts der Standortwahl des G20 zumindest ihrer Dummheit versichert sein. Ich weiß nicht was weniger beunruhigend ist.

Update: SPD-Fähnchen Sigmar Gabriel dreht (wenig?) überraschend die Windrichtung und stützt die hier aufgegriffene These: Link

Neoliberalismus vs Digitalisierung: Im Zentrum einer Supernova

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Geschäft ist Geschäft. Man erledigt es am Schreibtisch, auf der Toilette oder an einem Baum. US-Amerikaner beschäftigen sich auch nicht mit Dingen, sie „dealen“ mit Ihnen. So will es der Sprachgebrauch. Einer dieser Dealer bekleidet seit letztem Jahr den vermeintlich mächtigsten Posten der Welt. Was macht das mit uns und was sagt das vor allem über uns aus?

Kabarettisten haben spätestens seit 2016 einen schweren Stand. Das pervertierte Endstadium unserer Zivilisation spiegelt sich ja nun realsatirisch in Trump wieder. Das Gesicht Amerikas ist eine bröckelnde Fassade, das verzweifelt versucht von Make-Up und Toupet zusammengehalten zu werden und die Antwort auf die Finanzkrise des letzen Jahrzents ist die Zuspitzung ihrer Verursachermentalität. Klimawandel? Lalala. Es erfordert viel Kreativität da noch eine humoristische Zuspitzung oben draufzusetzen.

Aber eines muss man festhalten: Dem hedonistischen Konsumenten westlicher Prägung dämmert sein Schicksal zunehmend. Zumindest unterbewusst. Seine Reaktionen sind vielfältig. Manch einer schlussfolgert korrekt, schmeißt Wachstum, Schaffe-Schaffe-Scheißle-baue und leere Konsum-Entschädigung für den Verkauf von Lebenszeit über Bord. Andere versuchen unliebsame Randgruppen aus ihrer Wahrnehmung zu tilgen (im Extremfall deren Existenz zu bekämpfen), um vermeintlich weitermachen zu können wie bisher.

Im Spiegel der Popkultur: Wir sind todesgespannt

Die Medien-Nerds unter uns üben den Umgang mit dystopischen Verhältnissen schon mal spielerisch. Wir sehen uns den Überlebenskampf in The Walking Dead an, spielen Survival-Games am PC und „craften“ uns aus post-apokalyptischem virtuellen Müll kreative Gebrauchsgegenstände. Kann ja nicht schaden mal nachzuspielen wie das so ist, nachdem der dicke Kim oder Trump den Atom-Phallus ausgepackt haben. Wir senken unsere Hemmschwelle durch einen Mischkonsum echter und gespielter Gewalt, bis das Todesvideo vom spanischen Torrero nur noch eine unspektakuläre Randerscheinung auf Blutfontänen-getränkten Bildschirmen zwischen Call Of Duty und Enthauptungsvideos ist.

„Prima-Blick-Kinositz, will sehen, wie’s an die Linse spritzt“
(Casper, Lang lebe der Tod)

Das virtuelle Sex & Gewalt Spektakel in der Grauzone zwischen Fiktion und Realität macht natürlich etwas mit uns. Die vielen Menschen, ihre Lust und ihr Leid werden zur Stangenware. Gerade der popkulturell beliebte Zombie ist eine wunderbar metaphorische Entsprechung eines gesichtslosen Feindbildes. Zum Beispiel das des Asylsuchenden. Schlurft zerlumpt in unser Land, hat keinen Ausweis in der Tasche, brabbelt unverständliches Zeug und will uns ans Leder. Sowas darf man ja wohl bitte zerstückeln dürfen.

Du bist ich und ich hasse dich

Die Tatsache, dass rechtspopuläre Strömungen nicht nur hier, sondern im Prinzip weltweit stattfinden, lässt die Vermutung zu, dass wir Menschen uns durch das Internet zu hassen gelernt haben. Empathie ist schwer herzustellen, wenn das Gegenüber kein Gesicht hat. Wir denken deshalb in vereinfachten Archetypen, die wir schneller einordnen können. Wohl dem Hater, der nicht verstanden hat, dass diese Archetypen hauptsächlich Projektionen eigener Persönlichkeitsanteile sind. Überhaupt sind blinder Egoismus und Opportunismus Eigenschaften, die für das Individuum oberflächlich von großem Vorteil sind. Dass ein einseitig auf Selbstgerechtigkeit gepatchworktes Weltbild seine Tücken hat und das empfinden von echtem Glück und wahrhaftiger Liebe beeinträchtigt, ist für den Erhalt der menschlichen Rasse wahrscheinlich notwendig und ein gerechter Ausgleich. Nichtsdestotrotz hat sich Opportunismus als Entsprechung rationalen Handelns durchgesetzt. Empathie lässt sich hingegen nur mit dem großen Ganzen erklären.

Der Filterbubble-König

Wir halten fest: Digitalisierung und Empathieverlust kommen scheinbar Hand in Hand. Wir wachsen elektronisch zusammen und entfernen uns menschlich voneinander. Als Reaktion auf die Entfremdung und im Zuge einer zunehmenden Unübersichtlichkeit von Informationen, zogen sich viele von uns in Nischen zurück. Besonders Facebook und Youtube unterstützen diese Entwicklung, indem wir auf unsere Vorlieben kuratierte Inhalte zu sehen bekommen. Damit einhergehend verloren die Medien Teile ihrer Reichweite an Nischen-Gurus. Viele dieser Influencer sind zurecht Vordenker und Spezialisten ihres Themas, andere eher Fanatiker, Panikmacher und Evolutionsbremsen. Letztere haben die Eigenschaft sich besonders als virtuelle Brüllaffen hervorzutun und dafür zu sorgen, dass sich allerlei Unfug rasend schnell verbreitet. Daraus entstand der geflügelte Begriff „Fake News“. Twitter-Trump ist einer dieser Obermuftis. Halb blöd und halb böse wie er ist, hat er den Vorwurf Fehlinformationen zu verbreiten einfach umgedreht und gegen die US-Presse verwendet. Der klassischen Logik zufolge hätte er mit so einem Verhalten niemals Präsident werden können. Aber Twitter-Trump setzte auf die Filterbubble und stellte somit auch die Machtlosigkeit klassischer Medien bloß.

trumpel

Doch wie erschafft man so ein Meinungsbiotop? Wie lenkt man Informationen so, dass sie sich gezielt in bestimmten Demografien verdichten und so sehr verfestigen, dass sogar wissenschaftlich nachprüfbare Fakten abgelehnt werden?

Zunächst braucht es hierzu eine Empfänglichkeit seitens des Nutzers. Wer ein lebendiges und diverses soziales Umfeld hat, in dem tiefgehende Gespräche möglich sind, wird sehr wahrscheinlich geringer auf digitale Informationen reagieren, als jemand der bevorzugt an PC und Smartphone kommuniziert. Die Algorithmen verstärken an sich nur den ohnehin menschlichen Drang nauch Austausch mit Gleichgesinnten. Der Information gegenüber muss der Nutzer positiv gestimmt sein. Um etwas gerne zu glauben, ist es hilfreich wenn unsere Probleme adressiert werden und die Lösung einfach und umsetzbar klingt. Gegen populistische Versprechen haben desillusionierende Fakten keine Chance. Und natürlich braucht es ein fruchtbares Umfeld an Influencern, welche die Saat säen. Wie es Trump geschafft hat die Verlierer des neoliberalen Systems für noch kapitalistischere Ideen zu begeistern, bleibt mir auch nach stundenlanger Recherche zum Thema ein Rätsel.

100 Jahre um zur Vernunft zu kommen

Eitelkeit, Opportunismus und Entfremdung sind jedenfalls Zeitgeistströmungen, die offensichtlich teils dem stockenden Weltwirtschaftswachstum, teils der digitalen Verrohung entspringen. Irgendwie haben es Rechtspopulisten dennoch geschafft abgehängten Ich-Menschen (oder solche die Angst davor haben) ein „wir“ zu verkaufen, obwohl sie vor allem der Hass eint und konstruktive Ziele durchaus differieren. Der derzeit vielleicht drastischste Schritt ist der Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen. Wir reden hier nicht von einer Gefahr, die uns irgendwann trifft, sondern von einer die wir und die nachfolgende Generation hautnah erleben werden. Beziehungsweise können wir ja jetzt schon die Bilder schmelzender Pole sehen, den Industrie-Dreck der im „ewigen Eis“ versteckt wurde und Wetterphänomene beobachten, die unserer Großindustrie entsprungen sind.

Fakt ist – und das behaupte ich, weil ich Stephen Hawking für einen der klügsten Köpfe dieser Zeit halte – dass wir mit der aktuell vorherrschenden Geisteshaltung, mit unserem derzeitigen Verhalten und der Abgabe der Verantwortung in die Hände narzisstischer Psychopathen auf ein schnelles Ende der Zivilisationen zusteuern. Wir waren schon mal viel, viel weiter. Die Hauptaufgabe der nächsten Jahrzehnte wird es sein, nachfolgenden Generationen zu vermitteln, dass der unmittelbare Eigennutz nicht die logischste, sondern die unmoralischste Art zu denken und zu handeln ist.